Kein Leipzig in Berlin
15. Februar 2010
Die Gewinner des Berliner Theatertreffens stehen fest:
http://www.berlinerfestspiele.de/de/aktuell/festivals/03_theatertreffen/tt10_auswahl/tt10_auswahl.php
Und keine Leipziger Produktion ist dabei, wie schade. Wo doch Don Juan letztes Jahr auch schon vorbei geschrammt war. Und diesmal hätten wir den Kirschgarten so gern dort gesehen.
Fest der Bespielbühne
12. Februar 2010
nachtkritik.de hat ein “alternatives” Theatertreffen ausgerufen - und das Ergebnis steht jetzt fest. Keine Leipziger Inszenierung ist dabei, aber doch eine andere Beobachtung lässt sich machen: Freie Theaterbühnen schneiden ziemlich gut ab (im Gegensatz zum “normalen” Theatertreffen).
Zwar ist es ein bisschen seltsam, dass das gerade bei nachtktitik passiert, die äußerst selten freie Produktionen besprechen (und wenn dann nur die “etabliert” freien, wie Signa etc.) - aber vielleicht ist es ja auch ein Zeichen. Dass irgendwann die Zeit dieser schwerfälligen, zum großen Teil verknöcherten Subventions-Handhabe abgelaufen sein wird.
Denn es macht doch vielleicht mehr Sinn: Mit klug eingesetzten Projektgeldern von Ort zu Ort zu tingeln, immer wieder neue Künstler einzuspannen, an anderen Orten zu spielen - und frei zu sein von lokalen und vor allem Auslastungs-Zwängen.
Denken wir doch mal die Utopie: Alle festen Theater werden zu rein technischen Bespielbühnen, mit einem großen KBB, das die einziehenden Truppen organisiert. Das Geld kann dann einzig und allein für die Projekte verwendet werden und versickert nicht in dem großen Kahn Theater mit seinem aufgepumpten Verwaltungsapparat.
Wär das was?
Nichts hallt nach
1. Februar 2010
Centraltheater: Medea
Manche Kritiken dauern ein bisschen, manche Meinungen haben einen langen Weg.
Sophie Rois als Medea, oder Medea als Sophie Rois - einige Wochen danach denke ich mir: So hätte man das nicht machen dürfen. Denn es ist nichts hängen geblieben. Außer dieser krächzenden Stimme, dieser unglaublichen Frau. Der man stundenlang zusehen kann und dann nichts weiter braucht.
Problem: Kann man Medea so spielen? So, dass man nichts mehr braucht als die Frau, die Medea gibt? Muss da nicht noch viel mehr rein, die ganze Tragik, der politische Akt, die Erschütterung einer ganzen Gesellschaft, die in dieser Tragödie Ausdruck findet?
Bei Sophie Rois’ Medea geht es nur um Sophie Rois. Die Inszenierung lässt blasse Neben(und auch Haupt-)Rollen übrig, einen albernen Chor, eine Bühne, die nichts braucht als diese knochige, schreiende Gestalt vor sich. Das ist auch eine Entscheidung. Für den Stargast.
Und dann hallt nichts nach. Sophie Rois in Leipzig, und sie kriegen sich alle nicht mehr ein vor Freude darüber, auch ich. Wenn man aber an den Abend zurück denkt, dann fühlt man nichts mehr von Medea. Man hört nur Sophie Rois.
Alles schon gesehen?
28. November 2009
Cammerspiele: »Shoppen und Ficken«
Die hiesige Tageszeitung sagte tags drauf: Man kenne doch all diese Probleme schon. Dieses Verzweifeln an der Welt. Diese Selbstzerstörung. Das Nichtmehrweiterkönnen vor lauter Wünschen und Hoffen, diese Angst davor, sich der Realität stellen zu müssen.
Ist es denn möglich, dass es eine Kategorie ist: »Man kennt das alles schon«? Ist es nicht vielmehr so, dass Kunst immer und immer wieder das aufzeigen muss, was alle kennen? In immer anderen Schriften, in neuen Worten, in Bildern, die es so noch nicht gab?
Vielleicht können die Dinge nur greifbar werden, wenn sie in immer anderen Weisen aufgeschrieben werden.
Ich jedenfalls habe einmal wieder geweint im Theater. Das passiert ja nicht so häufig in diesen Zeiten, da man vor lauter Abgeklärtkeit und Zynismus nicht mal mehr ordentlich applaudieren mag. Und ich wünsche mir immer wieder immer mehr Theater, das mir die alten Fragen vorführt, bis ich es schaffe, sie mir selbst zu stellen – und sie nicht mehr trenne von meinem eigenen Bewusstsein, das immer wieder dazu neigt zu sagen: Alles schon gesehen.
Neben all diesen schweren Gedanken bete ich ein klein bisschen, dass Elisa Jentsch ganz bald auf ganz großen Bühnen inszeniert, damit sie noch mehr Platz hat für die Ideen, die aus ihr heraussprudeln.
Fällt die Kirschbäume
19. November 2009
Centraltheater: Der Kirschgarten
Ich liebe Tschechow. Sehr sogar. Ich liebe diese melancholische Stimmung, diese Lethargie, dieses laute Lamentieren und diese Sehnsucht, die immer um sich selbst kreist.Bisher haben bei einer Tschechow-Inszenierung für mich viele dicke Teppiche und schwere Eichenmöbel auf die Bühne gehört, und obwohl ich naturalistisches Theater verabscheue, freute ich mich, wenn Irina sich an den Hals fasste und wehleidig rief: »Moskau, Moskau!«
Ich stehe dazu: Ich bin ein Fan von Peter Stein und diesem ganzen alten Tschechow-Gehabe. Bleibe ich auch. Trotzdem hat sich etwas geändert, seit ich Hartmanns Kirschgarten im CT gesehen habe.
Das war eine Zumutung für eine wie mich, die immer froh ist, wenn im Programmheft steht: 90 Minuten ohne Pause. Diesmal stand da 3 1/2 Stunden, 1 Pause, und noch dazu war das alles eine Zumutung. Viel Lärm, viel Geschieße, viel Absurdität. Absolute Textdekonstruktion, albernes Rumgehüpfe. Nervig, anstrengend, auch ich habe irgendwann angefangen, mich auf meinem Sessel hin und her zu winden.
Aber mal ehrlich: Nur so kann man heute Tschechow inszenieren. Denn ist es nicht absurd, dieses Hinausschieben des Endes, ist sie nicht vollkommen albern, diese Endzeitromantik? Mit Selbstmitleid kann man heutzutage niemanden mehr beeindrucken, aber das konnte man einst, zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als der Kirschgarten seine Uraufführung hatte, auch schon nicht. Darum steckt auch so viel Komik, so viel Absurdität in dem Stück - es ist nur konsequent, diese auch so zu inszenieren.
Diese Welt, in der ein bewaffneter Nahkampf nichts anderes ist als ein Spiel, ein ermüdendes Schaukämpfen, bleibt uns nichts anderes übrig, als die Kirschbäume zu fällen. Bis man nichts mehr wiedererkennt vom Garten - und dann vielleicht das sieht, worum es wirklich geht: Um die Erde, auf der dann neues wächst.
Ach so: Die einzige, die fehlte, ist Anita Vulesica. Neben Lawinky ist sie diejenige im Hartmann-Team, die in all der Gewalt und Klamaukerei die nötige Melancholie hinein bringt - und zwar nicht durch den Text, sondern durch ihre pure Anwesenheit.
Das Geheimnis der Ann-Elisabeth Wolff
4. November 2009
euro-scene-Eröffnung
Jetzt habe ich sie verstanden. Jahrelang war mir Ann-Elisabeth Wolff ein Rätsel - nun meine ich, sie begriffen zu haben.Denn diese Eröffnung gestern, »Point of Eclipse« des Cullberg Ballet in der Oper, war ein so berührendes und erschauerndes Tanzstück, wie es sich eigentlich gar nicht für eine Festivaleröffnung eignet. Dunkel, hell, Mond und Sonne, und dazwischen die um Luft ringenden Gestalten, oder sind es viel mehr: Amöben?
Obwohl der Tanz wenig unkonventionell (und leider manchmal auch extrem unsynchron) war, enstand da doch eine Choreografie, die einen seltsam berührte, ja traurig machte. Und in einem winzigen Moment wurde es mir klar, was es heißt, dass Ann-Elisabeth Wolff dieses Stück für die Eröffnung ihres Festivals ausgewählt hat. Ich meinte zu ahnen, was sie gefühlt haben muss.
Vielleicht ist sie ja einfach ein sehr melancholischer Mensch. Emotional sowieso, extrem weich und instinktiv. Aber eben auch sehr melancholisch, vielleicht ein bisschen traurig? Kommen daher auch die manchmal etwas »unprovokant« anmutenden Stücke, die sie einlädt? Die dann aber ganz viele Abgründe und Momente haben, in denen man versinken mag? Und das hat ja durchaus seine Berechtigung.
Wie sie sich bei der anschließenden Eröffnungsfeier von Burkhard Jung in den Arm nehmen ließ, sich förmlich an ihn kuschelte, als er ihre Leistung hervorhob, das war dann ja auch sehr rührend.Ich bin jedenfalls froh, dass mir dieses gelüftete Geheimnis den Einstieg in die 19. euro-scene etwas erleichtert. In diesem regennassen Herbst kann ein wenig Melancholie nicht schaden, mir jedenfalls nicht.
Apropos: Woyzeck
28. Oktober 2009
Centraltheater: »Büchner/Leipzig/Revolte«
Etwas ganz Seltenes ist passiert: Eine Theaterinszenierung, nicht mal 90 Minuten lang, wird durch die letzten 45 gerettet. Alles, was davor passierte, ist bedeutungslos im Angesicht dessen, dass hier ein »Woyzeck« gespielt wird, den ich so noch nicht gesehen habe. Erstarrt spielt Jimmy Hartwig diesen Menschen, der an dem System zugrunde geht, um den sich die DDR herum laviert, um den Sündenbock, der sich nicht wehren kann. Bis zum Schluss, aber dann an der Stelle, an der es am wenigsten nützt. Dieser massive Leib mit der zarten Seele, die sich windet und kämpft, wie es Hartwig gelingt, diese Energie über eine Dreiviertelstunde zu halten, das sollte sich jeder, wirklich jeder, ansehen.
Und damit wird auch das wieder gut gemacht, was vorher nicht so richtig funktioniert, und das schafft eine Inszenierung ja selten, am Ende noch die Kurve zu kriegen.
Sphinxengleiche Kriegerinnen
26. September 2009
Theater der Jungen Welt: Schwarze Jungfrauen
Dieses Jahr in der Türkei, der Besuch einer Moschee: Nach und nach tröpfeln die Gläubigen in den Raum, wie selbstverständlich ziehen sie ihre Schuhe aus, stecken sie in Plastetüten, suchen sich einen Platz. Stehen kurz, gen Osten gewandt, wie wartend. Dann beginnt das Ritual; mit den festen Handbewegungen, dem Niederknien, dem lautlosen Lippenbewegen. Zwischendurch pesen Kinder durch die Moschee, ihre bestrumpften Füße hinterlassen ein dumpfes Pollern im Raum, der ansonsten angefüllt ist mit leisen Wortfetzen. Ja, die Frauen beten anderswo, in einem für sie zugewiesenen Bereich. Aber auch ihre Andacht: Voller Friede.
Und dann gestern im Theater der Jungen Welt: Sechs Monologe junger Muslimas, geschrieben von Feridun Zaimoglu, ein viel diskutierter Text. Radikale Worte von sechs jungen Frauen, die in Deutschland leben und dieses Deutschland bekämpfen. Die Texte sind entstanden aus Interviews, die Zaimoglu mit den Frauen geführt hat, und ihre Authentizität ist bestechend. Und doch gibt es ein Problem an diesem Abend, und das liegt, man kann es nicht anders sagen, in der Inszenierung.
Sechs junge Regisseurinnen, zum Teil noch studierend, haben die Monologe mit je einer Schauspielerin inszeniert. Da sind zweifelsohne Talente dabei, und die Regieideen einige auch beeindruckend (die blonde Frau, die sich die arabischen Zeichen mit pechschwarzer Tinte auf die nackte Haut pinselt, sich selbst zur Botschaft macht, oder die zweifelnde, korpulente Muslima, die mit ihren eigenen, verwirrten Gedanken als Audioeinspielung konfrontiert wird). Eins ist ihnen jedoch bis auf eine Ausnahme eigen: Sie stecken so voller Aggressivität. Ist es das, was Jugendlichen vom Islam präsentiert werden soll, noch dazu in Lindenau, einem Stadtteil, das seit einiger Zeit mit der aufkommenden Überpräsenz rechter Gewalt zu kämpfen hat?
Sicher gibt es sie, die kampfbereiten Frauen, die, boxerinnengleich, auf der Suche sind nach Widerstand, um ihn mit purer Körpergewalt zu zerstören. Nichts Neues auch die türkischen Tussis mit ihren sphinxengleich geschminkten Augen unterm Kopftuch, die ohne mit der Wimper zu zucken Terroranschläge auf die westliche Welt preisen. Aber kann es ein differenziertes Bild entstehen lassen, wenn diese Frauen allesamt in einer Stimmung inszeniert werden, und dies nahezu bruchlos: Als protestbereite und radikale Kämpferinnen im Namen Gottes?
Da tut die Darstellung der konvertierten Deutschen am Ende gut, die ganz ruhig von der Faszination berichtet, die der Islam mit seinem Frieden ausübte und ihr schließlich eine Richtung geben vermochte. Die meisten der Monologe allerdings sind auch in ihrer Inszenierung gefüllt mit Hass, das Spiel, die Regie setzen dem Text nichts entgegen und verpassen damit die Chance, die Radikalität zu differenzieren. Es geht hier nicht um falsche Toleranz oder zu viel Political Correctness, es geht darum, auch “solche” Frauen von einer anderen Seite zu betrachten, um wenigstens eine Idee davon zu bekommen, was sie zu dem werden ließ, was sie sind. Das schaffen nur zwei von sechs Inszenierungen. Denen zuzuschauen allerdings ist eine umso größere Freude.
Theater statt Swingerclub
19. September 2009
Centraltheater: Germania Song
Zuallererst: Verzeihung, dass es hier so lange nichts zu lesen gab. Der Sommer ist zwar eine schöne Jahreszeit, aber theatermäßig leider nur bedingt zu empfehlen. Ich habs genossen, bin an der Ägäisküste entlang gedüst und habe ein paar Wochen an keine Bühne gedacht.
Und das erste Mal Theater hat mich dann auch gleich krank gemacht: »Germania Song« im Centraltheater, und einen Tag später liege ich mit ner fetten Grippe im Bett. Ok, der Gerechtigkeit halber muss ich sagen, dass es wahrscheinlich auch an den Viren lag, die um mich herumschwirrten, aber sechs Stunden Theatermarathon in einem nur mäßig beheizten Theaterfoyer, zwischen viel Zigarettenrauch und mit viel süßem Sekt und Wodka - da kann einem ja nur komisch werden. Ich muss gestehen, dass mich der Signa-Abend ein wenig enttäuscht hat.
Vielleicht hatte ich auch zu viel erwartet, denn wenn man von Signa hörte, las man von »Grenzerfahrungen«, davon, dass man selbst Realität und Fiktion nicht mehr auseinander halten kann, dass es zu verstörenden Szenen kommt… Mir ging es in keinem Moment so. Wenn man nicht die Kraft hatte, sich immer und immer wieder selbst in diese Grenz-Situationen zu bringen, war es aber eher wie ein enorm enervierendes, semi-spannendes Mitmachtheater, ein »Mord im Dunkeln«-Spiel unter dem Deckmäntelchen Kultur.
Sechs Stunden versuchten wir, so gut wie möglich mitzuspielen. Einigen gelang das auch ganz hervorragend. Mir nicht und am Ende war ich dann doch wieder Zaungast einer kruden Theaterperformance, in der es ganz klare Zuschauer- Schauspieler-Verteilungen hab. Übrigens: ältliche Herren dabei zu erwischen, wie sie sich in der Ausnahmesituation endlich das herausnehmen, wofür sie sonst in den Swingerclub gehen müssten, das war dann irgendwann einfach ekelhaft.
Aber gut, Signa im Centraltheater, das hat schon was. Freie Performance ist in Leipzig nun also im Stadttheater angekommen, da hat Hartmann nach ziemlich genau einem Jahr einen der wichtigsten Punkte wahr gemacht, die er damals zum Start angekündigt hatte.
Auf eine vergnügliche Spielzeit 2009/10!
Sei’s drum
15. Juli 2009
Deutsches Theater Berlin: Emilia Galotti
Achtung, was gleich kommt, wird enorm pathetisch sein. Der verehrte Leser wird sich angewidert abwenden und denken: “Erspart mir diese von ihren Emotionen getriebene semi-professionelle Theaterkritikerin!”
Doch das ist mir ganz egal! Es ist Sommer und ich stehe zu meinen Gefühlen! Und was gibt es auch darum herum zu reden, dass der unglaublichste Moment in Thalheimers “Emilia Galotti” folgender ist, ganz zum Ende des Stücks: Emilia, aller Ehre beraubt, dafür voll gespürten Lebens, steht in der Diagonalen auf dieser unglaublich hölzernen Bühne und schreit, in Richtung ihres Vaters: “Auch ich bin aus Fleisch und Blut! Auch meine Sinne sind Sinne!”
Weil zuvor jede Geste der Liebe so voller Kampf war, weil jedes Gefühl hervorgepresst oder mit Gewalt erzeugt werden musste, ist eben dieser Ausbruch so zum Schaudern. Huch, ich war selbst ein bisschen erschrocken davon, dass ich so wenig abgeklärt bin.
Und nein, ich schäme mich nicht dafür, dass ich in dieser allerletzten (!) Vorstellung dieser Emilia-Inszenierung, mit der sich Thalheimer auch vom DT verabschiete, siebzig Minuten im ersten Rang saß und keine Sekunde den Blick wenden konnte von diesem Terror da unten.
Ich schätze durchaus Kissenschlachten, aber es darf ruhig auch noch Gänsehaut geben im Theater. Auch, wenn ich damit meinen Ruf als knallharte Theaterkritikerin verspiele. Sei’s drum.