Das Geheimnis der Ann-Elisabeth Wolff
4. November 2009
euro-scene-Eröffnung
Jetzt habe ich sie verstanden. Jahrelang war mir Ann-Elisabeth Wolff ein Rätsel - nun meine ich, sie begriffen zu haben.Denn diese Eröffnung gestern, »Point of Eclipse« des Cullberg Ballet in der Oper, war ein so berührendes und erschauerndes Tanzstück, wie es sich eigentlich gar nicht für eine Festivaleröffnung eignet. Dunkel, hell, Mond und Sonne, und dazwischen die um Luft ringenden Gestalten, oder sind es viel mehr: Amöben?
Obwohl der Tanz wenig unkonventionell (und leider manchmal auch extrem unsynchron) war, enstand da doch eine Choreografie, die einen seltsam berührte, ja traurig machte. Und in einem winzigen Moment wurde es mir klar, was es heißt, dass Ann-Elisabeth Wolff dieses Stück für die Eröffnung ihres Festivals ausgewählt hat. Ich meinte zu ahnen, was sie gefühlt haben muss.
Vielleicht ist sie ja einfach ein sehr melancholischer Mensch. Emotional sowieso, extrem weich und instinktiv. Aber eben auch sehr melancholisch, vielleicht ein bisschen traurig? Kommen daher auch die manchmal etwas »unprovokant« anmutenden Stücke, die sie einlädt? Die dann aber ganz viele Abgründe und Momente haben, in denen man versinken mag? Und das hat ja durchaus seine Berechtigung.
Wie sie sich bei der anschließenden Eröffnungsfeier von Burkhard Jung in den Arm nehmen ließ, sich förmlich an ihn kuschelte, als er ihre Leistung hervorhob, das war dann ja auch sehr rührend.Ich bin jedenfalls froh, dass mir dieses gelüftete Geheimnis den Einstieg in die 19. euro-scene etwas erleichtert. In diesem regennassen Herbst kann ein wenig Melancholie nicht schaden, mir jedenfalls nicht.
Sommer-Desaster
4. Juli 2009
Es ist so weit: Sommer. Ja nu, großartig - aber was ist mit Theater?
Nach den Sommertheater-Desastern im letzten Jahr verweigere ich mich. Mal sehen, wie kategorisch ich bleibe - aber im Moment treibt mich nichts auf die Freiluftbühnen der Stadt.
Dann doch lieber mein altbewährtes Karli-Drama: Vor der naTo sitzen und schauen, wer da so vorbei schleicht, stolpert, stolziert, in welchem Kostüm und mit welcher Geste. Spannender kanns in keinem Gohliser Schlösschen sein.
Ein bisschen Schauspiel schadet nie
9. Mai 2009
Was wir gut finden: Popstars, die aus ihrer Show keinen Hehl machen. Die nie so tun, als seien sie »ganz normal«. Richtig auf die Kacke hauen, mit Lightshow und siebzehn Kostümen innerhalb von einer Stunde (Metallica, die gerade in Leipzig waren, machen das immer noch so, auch wenn sie hinter der Bühne wahrscheinlich schon ein Beatmungszelt brauchen), bloß keine Bescheidenheit – in diesen Zeiten erst recht nicht!
Und wenn Sänger (wie gestern beim Clickcklickdecker-Konzert in der Ilse) auch mal ein bisschen Trallala machen auf der Bühne, dann können wir das auch nur begrüßen. Gestikulieren, komische Grimassen machen, das hebt dann ein gutes Konzert noch mal in ne andere Liga. Ein klein bisschen Schauspiel hat noch nie geschadet - denn Langeweile haben wir im normalen Leben schon genug.
Die Ambivalenz des Vorübergehens
14. März 2009
Theater der Jungen Welt: »Bis in die Wüste« / Frühlingsverwirrungen
Heute: ein wirklicher Frühlingstag. Radfahren ohne Handschuhe. Kinder wetzen sich ihre Hosen auf den Rutschen kaputt. Studenten lungern auf Parkbänken. Das Rentnerpaar schaut sich verzückt in die Augen im Angesicht eines weiteren, gemeinsamen Jahres.
Und der Wetterbericht spricht von »vorübergehend mild«. Kaum ein Wort, dem man mit so ambivalenten Gefühlen begegnen würde: vorübergehend! Vorübergehend mild: Eine Drohung. Achtung, bald fängt es wieder an zu schütten, und dazu Temperaturen, die wir uns für den Januar gewünscht hätten, aber sicher nicht für März. Vorübergehend, selten war ein Wort so grausam.
Dann wiederum: Letztens im Theater der Jungen Welt, »Bis in die Wüste«, ein unsagbar ehrliches und drastisches Stück über Jugendliche, die vor lauter Langeweile und Frustration nicht wissen, was außer Gewalttäter werden sollen. Dazu ein Publikum im Alter zwischen 15 und 16, und man wollte jeden einzelnen an die Hand nehmen und mit warmer Stimme sagen: »Mach dir keine Sorge. Es geht vorüber. Dein Hass auf die Welt, deine Scham, deine Dummheit«. Und man atmete einmal tief durch in tiefster Demut und Dankbarkeit, dass die eigene Adoleszenz zumindest in größten Teilen vorbei ist.
Und dann das grausame, das nüchterne Wissen, dass Dinge vorüber gehen: Das Frühlingswetter. Die Haarfarbe. Das Flattern im Bauch.
Wohlgesonnene Bitte
16. Februar 2009
Es ist sehr erfreulich, dass dieser Blog mit einigem Interesse verfolgt wird. Weniger erfreulich allerdings ist es, wenn komplette Einträge kopiert und in diversen Foren gepostet werden. Nicht, dass wir ungern bei nachtkritik.de etc. auftauchen, im Gegenteil, den Kollegen sind wir wohlgesonnen. Aber dann doch bitte mit einem eindeutigen Hinweis darauf, dass es sich um ein Zitat handelt - und einer eindeutigen Quellenangabe. Ansonsten kann man bei solchen Aktivitäten leider nur von einem lupenreinen Verstoß gegen das Urheberrecht sprechen.
Besten Dank!
Vom Leben und von Bühnen
5. Januar 2009
»Die Rückeroberung der Wirklichkeit halte ich für den wichtigsten Aspekt des Theaters«, sagte Wolfgang Bergmann zur Eröffnung der Theaterakademie Ludwigsburg. Und in der Neujahrsausgabe der SZ forderte die Deluxe-Kritikerin Christine Dössel, mehr dokumentarisches Theater auf die deutschen Bühnen zu bringen. Wenn in der wirklichen Welt alle so täten »als ob« (wie in der Finanzkrise etc.), mache das Theater auf »Real-Life«.
Na hoppla, was ist denn hier los? Zugegeben, Rimini Protokoll und Schlingensief haben in den letzten Jahren bewiesen, dass Theater, wenn es das »Echte« abbildet, gut ankommt. Ist ja auch ganz schön, wenn man Schauspiel mit »Echtheitssiegel« (Dössel) sieht, man fühlt sich so herrlich an das eigene Leben erinnert. Aber mal ehrlich, wozu dann noch Theater? Widerspricht sich das nicht diametral, Schauspiel und Echtheit?
Oder andersherum gesagt: Vor ein paar Tagen saßen wir in einem kleinen Lokal und vertrieben uns die Zeit des Wartens damit, die Gäste und Angestellten zu beobachten. Die Dreiergruppe nebenan, die sich in ödem Geplänkel verlor. Das schwule Pärchen, das nebeneinander sitzend kein Wort wechselte, einer stocherte hernach unverhohlen in den Zähnen. Die Bedienung hatte große glitzernde Ohrringe und konnte nicht aufhören zu lächeln, die Namen der Gerichte allerdings hatte sie noch nicht auswendig gelernt.
Die Realität lässt sich in der Realität beobachten, nirgendwo sonst, so ungeschminkt und deutlich wie nie. Dafür brauche ich keine Bühne, die ja gerade dafür steht, Dinge andersherum zu sehen. Verzerrt, hysterisch überdreht oder in Bildern metaphorisiert. Jenes im Theater zu beobachten, dass ich jeden Tag vor meiner Haustür sehe, hat den Reiz des »Ach ja, kenn ich«.
Das allzu Bekannte wieder und wieder in Doku-Soaps und »realistischem« Theater wiederzukäuen, ist eine dumpfe und unbewegliche Erfahrung. Eine neue Welt wird dadurch nicht eröffnet. Es sind die Überzeichnungen und Fiktionen, die das Hier und Heute sagbar machen. Das Normale habe ich im normalen Leben schon genug.
Leipziger Wundersames
21. Dezember 2008
Man muss sich doch immer wieder wundern über diese Stadt. Da findet man sich zur Zuschauerkonferenz und erwartet faule Tomaten auf den Intendanten oder zumindest ein Buhkonzert. Doch nichts dergleichen passiert.
Na gut, am Anfang erheben sich ein paar Nörgler (»Macbeth« sei Etikettenschwindel und das ganze Trallala), und die geladenen Gäste referieren über das gute alte Regietheater und warum auch schon Shakespeare nicht textreu war (Horragott, wir haben’s jetzt ja verstanden!). Die Welt erklären lassen will sich der Leipziger nicht, darum pöbeln ein paar dann doch sehr wütend zum Intendanten hinauf.
Aber der ist eben doch ein Hippie, wir haben’s immer geahnt. Denn er sagt diesen wunderschönen, weichen, fast unschuldigen Satz, in einem sehr naiven Berlinerisch: »Ich spüre hier einen kleinen Hass«. Damit beginnt eine Versöhnung, die dann etwa zwei Stunden dauern wird, und während der Hartmann immer wieder betont: »Ich mache das für Sie!« Sogar der wohl unsympathischste Mensch des ganzen Theaters, Chefdramaturg Uwe Bautz, setzt an zur Erklärungsrede. Man fühle sich nicht hermetisch, es sei wichtig, was die Leipziger denken, und darum will man jetzt doch wieder Programmhefte einführen und Publikumsdiskussionen. Kann es sein, dass die da oben doch etwas begriffen haben?
Am Ende lachen alle viel, alle duzen sich und sind ganz friedlich. Ensemble-Mitglied Andreas Keller erinnert noch einmal daran, dass er auch zu Engels Zeiten vor sehr leeren Zuschauerräumen gespielt habe – und wolle man denn wirklich das Theater zurück?
Ganz ehrlich, die Experten hätte man sich sparen können. Hartmann hat mit seiner naiv vor sich hin plappernden Art den Konflikt eigentlich allein gestemmt. Erklärt sein Theater, begründet die Brüche in einen Inszenierungen und kündigt an, bald ein Stück ganz ohne Videos und Nebel zu inszenieren.
Man muss sich doch immer wieder wundern über diese Stadt. Und vorsichtig sein, sich nicht in Sicherheit wähnen. Kann immer noch sein, dass nur keiner mehr Lust hatte, zu diskutieren – und beim nächsten Mal wieder Tomaten fliegen.
Gerüchteküche I
18. Dezember 2008
Ist das nicht eine großartige Stadt?! Nicht mal eine Million Einwohner, und trotzdem ein kulturpolitischer Skandal nach dem anderen. Oder andersrum: Über eine halbe Million Einwohner, und trotzdem nicht in der Lage, richtige Entscheidungen über die Theater, Opern und Festivals dieser Stadt zu treffen.
Willkommen im fröhlichen »Wir machen uns unser Theater selbst, nur nicht im Theater«-Spiel! Willkommen in der Gerüchteküche!
Da richtet sich Sebastian Hartmann eine »Skala« ein, die total hip sein soll und leider immer leer ist. Die absolut unbrauchbares Theater veranstaltet und dabei so zickig ist, dass sie sogar René Pollesch vergrault. Der ist nämlich wutentbrannt abgereist, darum gibt es noch mehr offene Proben zu sehen. Schade drum, seine herrlich schwulen Achtziger-Spielchen waren irgendwie so schön entspannt, im Gegensatz zu all dem »Wir-wollen-Geist«-Geblöke der letzten Skala-Wochen.
Abseits des Centraltheaters wird gemunkelt, dass Frau Wolff für ihre euro-scene schon wieder mehr Geld bekommt. Um viele weitere Jahre ihre One-Woman-Show durchzuziehen, in der manchmal Glücksgriffe dabei sind, meistens aber viel Tüdelü ohne Sinn und Verstand.
Die Cammerspiele hingegen werden wohl schließen müssen. Für 2009 werden nur 6.000 Euro bereit gestellt, so viel kostet bei Frau Wolff ungefähr das Benzin für den neuen Festival-BMW plus Mineralwasser für die Praktikanten. Und die Cammerspiele machen das einzig richtige: Sie setzen ihren Spielplan aus. Irgendwo hört’s ja auch auf, von nichts kommt nichts.
Heute Abend ist »Zuschauerkonferenz« im Centraltheater, das ist doch mal was. Diejenigen, die auf dem Podium sitzen, waren zwar wahrscheinlich höchstens einmal in einer Inszenierung im Centraltheater, aber egal. Hauptsache, der Name klingt gut. Bloß der Name des Moderators ist nicht bekannt. Der hat nämlich abgesagt, ein paar Stunden vorher. Vielleicht macht’s ja Pfarrer Führer, der sollte eigentlich mitdiskutieren, aber da hatte man sich sowieso gefragt, ob Hartmann da was falsch verstanden hat.