Oper Leipzig: »La Rondine«

Es gibt wohl kaum etwas Impertinenteres als das Leipziger Opernpublikum. Wenn eine winzigkleine Kleinigkeit in der Inszenierung nicht mit dem (sehr eigenwilligen, oft sehr überholten) Bild einer Oper übereinstimmt, kennt das Volk keine Hemmungen: Es wird geschnauft, gepöbelt, wild in die Musik hinein gerufen, in (beabsichtigt!) stillen Momenten der Inszenierung trotzig geklatscht. Diesmal war es vor Beginn des ersten Tons, als sich der Regisseur eine eigentlich schöne Sache überlegt hatte: Der Chor steht, den Rücken zum Publikum gewendet, still auf der Bühne, eingefrorene Bewegungen. Eine Masse auf dem Weg in ein ungewisses Dunkel, und ungeachtet der inszenatorischen Idee war das einfach ein sehr schöner, ruhiger Moment, bevor Puccinis Melancholie-Stürme losbrausten. Für das Premierenpublikum aber eine scheinbar unerträgliche Situation.

Liebe Leute, kauft euch doch meinetwegen einen Boxsack, geht zum Therapeuten oder führt ein klärendes Gespräch mit eurem Gatten, dann wären die Aggressionen am Samstagabend vielleicht nicht so groß! Hier stehen Künstler auf der Bühne – da sind ein bisschen Geduld und Selbstbeherrschung ja wohl nicht zu viel verlangt!

Am Abend vor der Umstellung zur Sommerzeit befand sich in dieser Inszenierung übrigens alles in rotem Dämmerlicht, die Tragödie spielte sich im Pariser Fetisch-Milieu ab, mit viel Chiffon und rotem Lack (mit ein bisschen zu viel pseudo-anrüchigem Habitus). Innerhalb dieser Szenerie sehnte sich die Femme Fatale Magda so sehr nach einem normalen Leben als gutbürgerliche, brave Frau, dass sie in ein Blümchenkleid schlüpfte und sich die Welt erschuf, die sie für die wahre hielt – erst hier findet sie die wahre Liebe. Kommt uns doch irgendwoher bekannt vor, in Blümchenkleider schlüpfen und sich die wahre Liebe konstruieren.

Blöd nur, dass das am Ende nicht so richtig klappen will, denn wer so tut, als wäre er jemand anderes, der erleidet irgendwann den Total-Kollaps. »Weil das nicht ihr Leben ist: Ein kleines Glück und die Aussicht auf ein bürgerliches Heim«. Wenn die Illusion, die man für das Leben hält, zerbricht, dann bleibt nur der demütige Rückzug in die Vergangenheit. Am gestrigen Abend geht Magda voller Schuld zurück. Wir hätten ihr ein erhobenes Haupt gewünscht – weil sie begreift, dass die die Illusion allein nicht das Heil bringt.

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Oper Leipzig: »Don Giovanni«

 

Zuerst hörte es sich an wie munteres Schreiben, ein Schrappen und Rascheln, man vermutete einen Kritikerkollegen. Doch es wollte kein Ende nehmen, und man wendete kurz den Kopf nach hinten – und entlarvte die Ursache des rhythmischen Geräusches. Es war eine junge Frau, die sich beständig, unbeirrbar, ihren Oberschenkel kratzte. Nun ist es weder August noch befinden wir uns in einem Land, in dem Moskitoschwärme die Schlafzimmer bevölkern – ein Insektenstich konnte es wohl kaum sein. Assoziationen an ansteckende Hautkrankheiten wurden wach, die Fantasie schlug Purzelbäume um entzündete Pocken und offene Flechten…!

 

Wir wollen keinem Menschen versagen, seinem Juckreiz Abhilfe zu verschaffen. So schrieb schon Thomas More in »Utopia«, dass Kratzen zu den erlaubten Vergnügungen gehört. Nur: In der Oper, zumal in der Premiere der Oper der Opern, Mozarts »Don Giovanni«, kommt es einer schlimmen Entgleisung nahe, ungeniert den Schenkel zu bearbeiten. Was die Dame dann auch irgendwann an den strafenden Blicken spürte – und beschämt das Kratzen einstellte.

 

Aber es ist ja nicht so, dass Kratzen die einzige naturgetriebene Äußerung in einem Opernsaal ist. Diverse andere menschliche Leiden greifen um sich. Die Äußerungen von Erkältungskrankheiten, die durch den Zuschauerraum beben, (dass eine Influenza bundesweit grassiert, blenden wir noch erfolgreich aus, auch wenn es schwer fällt). Man möchte den Betroffenen zurufen: Bleibt zuhause, wenn ihr nicht im Besitz eurer Körperbeherrschung seid! Husten, Niesen, Keuchen, Räuspern und Zähnesäubern, das ist ein Verbrechen an dieser artifiziellsten der abendländischen Künste! Selbst ein unterdrückter Nieser lässt schamhaft zusammenzucken ob der Verletzung der Erhabenheit dieses Meisterwerks. Das lautstarke, schmatzende Geräusch, um den Rest des Schinkenhäppchens aus den Dritten zu befördern, ist Raubbau an Mozarts Meisterwerk. Ein wenig Contenance, meine Damen und Herren, wird doch so schwer nicht sein!

 

Aber nun ja, auch auf der Bühne selbst bricht sich das Allzumenschliche seine Bahnen, es ist nicht totzukriegen an diesem Abend. Auch der verehrte Mozart konnte nicht bei der poetischen Allegorie bleiben – und so driftet diese Oper im zweiten Akt in ein burleskes Zotengeschiebe, in dem man merkt, dass mit bloßer Erhabenheit eben auch kein Blumentopf zu gewinnen ist, erst recht nicht im 18. Jahrhundert, wo man zwischen all den Reifrockschichten und Stapelperücken wenigstens ein bisschen Spaß haben wollte. Sie fallen übereinander her, schlüpfen in Masken und machen einen ziemlichen Hallodri.

 

Und es bleibt nicht aus, dass man sich ein wenig veralbert vorkommt, hatte man sich doch auf einen Abend voller edler Gefühle, würdevoller Allegorien und edelmütiger Botschaften eingestellt. Stattdessen kratzt, hustet, niest, kopuliert, frisst und säuft es, so weit das Auge reicht. Gibt es denn keinen Ort in dieser verderblichen Welt, an dem man davor sicher ist? Pfui, pfui, nochmal pfui!

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Oper Leipzig, Podiumsdiskussion: »Wagnis Kunst«

 

Da haben wir sie doch, die Antwort auf die drängende Frage, warum in Leipzig die Theater viel zu leer sind. Eigentlich ging es gestern in der Oper um den »Skandal«, den die Premiere vom »Fliegenden Holländer« ausgelöst hatte. Auf dem Podium sitzen – na klar – nur männliche Vertreter der hiesigen Opernkennerszene (Konwitschny, Korfmacher und Co.). Am Anfang ist alles noch recht ruhig, irgendwann artet es dann ziemlich aus, und der Skandal-freudige Leipziger reibt sich zufrieden die Hände.

 

Und dann. Und dann steht einer auf, der sich selbst »Stammgast« nennt. Und er sagt das, was wir doch alle schon vermutet hatten, als wir im leeren Centraltheater saßen, im leeren LOFFT und im leeren Westflügel: »Wir kommen wegen der Musik, wir wollen nicht provoziert werden. Wir wollen einen schönen Abend haben. Wir kennen die meisten Opern auswendig und haben sie schon zig Mal gesehen. Wir wünschen uns keine großen Veränderungen« - da haben wir’s.

 

Die über weite Strecken ziemlich hochwertige Diskussion zwischen dem Kritiker Korfmacher, dem Regisseur Werner Schröter, dem Theaterwissenschaftler Günter Heeg und anderen wird von diesem nun sehr offiziellen Begehren des Publikums immer wieder auf den knöcheltiefen, flauschigen und ziemlich verstaubten Teppich gebracht, zum Beispiel so:

 

Erläutert der Theaterwissenschaftler Heeg die Notwendigkeit, Spannungen zwischen dem Werk und dem Heute in einer Inszenierung aufzuzeigen, zieht ein Herr vom Wagnerverein die Debatte zurück in einen Dämmerzustand, weil er Wagners »eigentliche« Intentionen akribisch aufzählt und man sich an die Forderungen nach Werktreue der Fünfziger zurück versetzt fühlt.

 

Argumentiert Schröter damit, dass ein Eingreifen des Intendanten in das Werk des Regisseurs Zensur sei, meldet sich eine scheinbar persönlich brüskierte Dame und sagt, der »Holländer« sei einfach nur dumm gewesen und man dürfe so etwas nicht zeigen. Was das Verbot einer Inszenierung vor der Premiere bedeuten würde, wer sich denn die Kompetenz anmaßen soll, den Wert von Kunst zu bestimmen, dazu kann es nicht kommen, weil das Publikum jubelnd zustimmt.

 

Streiten sich LVZ und Oper über die einseitige Berichterstattung, die Freiheit der Kritik und die Möglichkeit der Meinungsbildung, stampfen wütende Operngänger auf und brüllen lautstark »Stimmungsmache!«

 

Der berechtigte Kommentar Heegs, der eigentliche Skandal seien die Reaktionen des völlig aus der Haut fahrenden Publikums gewesen, versickert dann auch komplett. Kein Wunder, sitzen doch hier im Foyer sicherlich einige, die damals in der Premiere am lautesten mitgebuht hatten.

 

Der Kern der Sache, der Satz des Abends, der bleibt wie ein Damoklesschwert im Raum stehen: »Wir wollen nicht provoziert werden«. Vielleicht war es ganz gut, dass Sebastian Hartmann nicht da war. Der hätte angesichts dieser geballten Ladung Harmoniesucht sicher das Zittern bekommen.

 

Abends dann Konwitschnys »Aida«. Eine elektrisierende, intelligente Inszenierung. Werktreu darum, weil sie der Musik gehorcht. Provozierend dennoch, weil die Sänger laufen, klettern, fallen konnten, weil der Regisseur keinen von ihnen in konventionellen Sphären stecken ließ. Ein »schöner Abend« ist die »Aida« mit Sicherheit nicht – zum Glück.

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Oper Leipzig: »Jenufa«

 

Gestern in der Oper: Fischfang nach den schönsten Metaphern. Zum Beispiel: »Ach, mein Verstand ist schon längst ins Wasser gefallen«. Oder »Ihre Augen holen einem die Seele aus dem Leib«.

 

Und das in diesem Werk, Janaceks »Jenufa«! Eine Oper auf Tschechisch, das ist, sagen wir mal, gewöhnungsbedürftig. Lauter gesungenes »Plotsch«, »Krch«, »Brrrz« und »Srrt«, ein Konsonanten-Feuerwerk, das vom großen Leid erzählt.

 

In dieser Sprache dann solche Sätze, netterweise übertitelt: »Glaubst du, ich lasse dich im Stich? Schon wegen deiner apfelglatten Wangen nicht!«, so der Geliebte zu seiner schwangeren Jenufa. Und das Metaphern-Fischen wird zur Suche nach den schönsten Liebeserklärungen. Dass er sie am Ende natürlich doch im Stich lassen wird, der Haudegen, das blenden wir hier mal aus. Seine Seele war nicht rein. Und was nützen dann die kühnsten Formulierungen?

 

Aber rein ist an diesem Abend niemand, »Jenufa« erzählt von Lügen und Kindsmord, es ist ein grandioses Unterschichten-Drama – und mittendrin eben diese Sätze: »Überall Dunkelheit, nur der Mond scheint auf die armen Menschen«. Da lässt sich auch der Opern-Habitus ertragen, dessen An-die-Brust-Schlagen und Zur-Seite-Werfen man lieben muss, oder man gewöhnt sich nie dran.

 

Die Rückkehr in die prosaische Welt: ein Schock. Ausschau gehalten nach Geständnissen, Wahrheiten - oder wenigstens einem kleinen sprachlichen Schnörkel. Stattdessen zuckt jeder für sich allein.

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