Nichts hallt nach
1. Februar 2010
Centraltheater: Medea
Manche Kritiken dauern ein bisschen, manche Meinungen haben einen langen Weg.
Sophie Rois als Medea, oder Medea als Sophie Rois - einige Wochen danach denke ich mir: So hätte man das nicht machen dürfen. Denn es ist nichts hängen geblieben. Außer dieser krächzenden Stimme, dieser unglaublichen Frau. Der man stundenlang zusehen kann und dann nichts weiter braucht.
Problem: Kann man Medea so spielen? So, dass man nichts mehr braucht als die Frau, die Medea gibt? Muss da nicht noch viel mehr rein, die ganze Tragik, der politische Akt, die Erschütterung einer ganzen Gesellschaft, die in dieser Tragödie Ausdruck findet?
Bei Sophie Rois’ Medea geht es nur um Sophie Rois. Die Inszenierung lässt blasse Neben(und auch Haupt-)Rollen übrig, einen albernen Chor, eine Bühne, die nichts braucht als diese knochige, schreiende Gestalt vor sich. Das ist auch eine Entscheidung. Für den Stargast.
Und dann hallt nichts nach. Sophie Rois in Leipzig, und sie kriegen sich alle nicht mehr ein vor Freude darüber, auch ich. Wenn man aber an den Abend zurück denkt, dann fühlt man nichts mehr von Medea. Man hört nur Sophie Rois.
Apropos: Woyzeck
28. Oktober 2009
Centraltheater: »Büchner/Leipzig/Revolte«
Etwas ganz Seltenes ist passiert: Eine Theaterinszenierung, nicht mal 90 Minuten lang, wird durch die letzten 45 gerettet. Alles, was davor passierte, ist bedeutungslos im Angesicht dessen, dass hier ein »Woyzeck« gespielt wird, den ich so noch nicht gesehen habe. Erstarrt spielt Jimmy Hartwig diesen Menschen, der an dem System zugrunde geht, um den sich die DDR herum laviert, um den Sündenbock, der sich nicht wehren kann. Bis zum Schluss, aber dann an der Stelle, an der es am wenigsten nützt. Dieser massive Leib mit der zarten Seele, die sich windet und kämpft, wie es Hartwig gelingt, diese Energie über eine Dreiviertelstunde zu halten, das sollte sich jeder, wirklich jeder, ansehen.
Und damit wird auch das wieder gut gemacht, was vorher nicht so richtig funktioniert, und das schafft eine Inszenierung ja selten, am Ende noch die Kurve zu kriegen.
Theater statt Swingerclub
19. September 2009
Centraltheater: Germania Song
Zuallererst: Verzeihung, dass es hier so lange nichts zu lesen gab. Der Sommer ist zwar eine schöne Jahreszeit, aber theatermäßig leider nur bedingt zu empfehlen. Ich habs genossen, bin an der Ägäisküste entlang gedüst und habe ein paar Wochen an keine Bühne gedacht.
Und das erste Mal Theater hat mich dann auch gleich krank gemacht: »Germania Song« im Centraltheater, und einen Tag später liege ich mit ner fetten Grippe im Bett. Ok, der Gerechtigkeit halber muss ich sagen, dass es wahrscheinlich auch an den Viren lag, die um mich herumschwirrten, aber sechs Stunden Theatermarathon in einem nur mäßig beheizten Theaterfoyer, zwischen viel Zigarettenrauch und mit viel süßem Sekt und Wodka - da kann einem ja nur komisch werden. Ich muss gestehen, dass mich der Signa-Abend ein wenig enttäuscht hat.
Vielleicht hatte ich auch zu viel erwartet, denn wenn man von Signa hörte, las man von »Grenzerfahrungen«, davon, dass man selbst Realität und Fiktion nicht mehr auseinander halten kann, dass es zu verstörenden Szenen kommt… Mir ging es in keinem Moment so. Wenn man nicht die Kraft hatte, sich immer und immer wieder selbst in diese Grenz-Situationen zu bringen, war es aber eher wie ein enorm enervierendes, semi-spannendes Mitmachtheater, ein »Mord im Dunkeln«-Spiel unter dem Deckmäntelchen Kultur.
Sechs Stunden versuchten wir, so gut wie möglich mitzuspielen. Einigen gelang das auch ganz hervorragend. Mir nicht und am Ende war ich dann doch wieder Zaungast einer kruden Theaterperformance, in der es ganz klare Zuschauer- Schauspieler-Verteilungen hab. Übrigens: ältliche Herren dabei zu erwischen, wie sie sich in der Ausnahmesituation endlich das herausnehmen, wofür sie sonst in den Swingerclub gehen müssten, das war dann irgendwann einfach ekelhaft.
Aber gut, Signa im Centraltheater, das hat schon was. Freie Performance ist in Leipzig nun also im Stadttheater angekommen, da hat Hartmann nach ziemlich genau einem Jahr einen der wichtigsten Punkte wahr gemacht, die er damals zum Start angekündigt hatte.
Auf eine vergnügliche Spielzeit 2009/10!
Meyer und ein Hauch von Punk
14. Juni 2009
Skala: Itspunk
Ein paar schöne Punk-Weisheiten: »Ich liebe einfach das Gefühl, Teil einer Gruppe zu sein und smart auszusehen.«
Oder: »Punkmusik bedeutet zu sagen, was man denkt.«
Oder auch: »Punk ist Wut-Theater.«
Und da wären wir doch an dem Punkt, wieso sich das Thema Punkmusik so gut für ein Theaterstück eignet: Weil alles daran mehr oder weniger gut gemachte Show ist. Die Kostümierung, die sich aus Fragmenten von Nazi-Symbolik, Hooligan-Schick und Anarchie-Style zusammensetzt. Die Bewegungen der Musiker, ihr Tanzstil: kontrolliertes Ausrasten, völlige Körperspannung, Vollrausch in hedonistischer Perfektion.It’s punk, als Stück »Itspunk«, und damit gibt Sascha Hawemann, den wir schon aus Magdeburg kennen, den man in Berlin aber anscheinend nicht kennt, aber kennt man in Berlin überhaupt jemanden anders außer Pollesch und Castorf; Hawemann gibt also mit dieser Inszenierung einen Vorgeschmack auf seine nächste große Leipziger Produktion: »Die Nacht. Die Lichter« als Uraufführung im Großen Haus. Geschichten von Clemens Meyer, auf der Bühne – und der Autor fand es wohl auch interessant, wer sich da an sein Buch ranwagen würde und war auch da bei der Premiere, wenigstens mal ein Promi in der Skala. Und obwohl Meyer ja nie irgendwas Böses tut, bekommt jeder Ort, an dem er sich befindet, automatisch irgendwie einen Hauch von Punk. Als würden sich alle insgeheim fragen, wo er wohl gerade herkommt, aus dem Bordell oder der letzten Schrammel-Kneipe in Anger-Crottendorf. Sagt natürlich nie jemand, dass er das denkt.
Auf der Bühne jedenfalls toben sich die Schauspieler die Seele aus dem Leib. Ein Kraftakt, viele der Songs der Rejects spielen sie komplett selbst – und das Urteil der Musikfachfrau hinterher: Zwar keine direkte Begeisterung, aber immerhin Anerkennung. Am Ende wurde es dann ein bisschen anstrengend, aber gut, Spaß muss man auch aushalten können.
Die Video-Projektionen vom Chemie-Fanblock, die habe ich nicht verstanden – was hat denn nun Westham United mit Chemie zu tun, kann mir das jemand erklären? Oder war das nur für Clemens Meyer?
Licht-Gestalten
23. Mai 2009
Skala: »Neue Texte von PeterLicht. Von der Unmöglichkeit eine neue Matratze zu kaufen ohne das Universum anzuhalten«
Wie so oft: Am Anfang steht eine Entscheidung. Will man aktiver oder passiver Zuschauer sein? Jede der Alternativen hat ihren Reiz. Was passiert? Wichtig, dass es passiert. »Neue Texte von PeterLicht«, der bereits vor Jahren ein zuversichtliches Lächeln aufsetzte – »Wir werden siegen« –, »Lieder vom Ende des Kapitalismus« anstimmte und die Krise lyrisch vorwegnahm. Ein überraschender Abend, von dem man nicht zuviel verraten darf. Daher sei hier bloß ein Zitat vom Centraltheater-Hausphilosophen Guillaume Paoli als Motto beigefügt:
»Protest in einer abstrakten Umwelt beschränkt sich meistens auf symbolische Handlungen. Einen Sinn für Alltagspraxis … könnten wir gut gebrauchen. Wie auch immer, inmitten der allgemeinen Verwirrung ist mindestens eines sicher: Wenn jemals eine Rettung kommen sollte, dann nicht von professionellen Opfern, sondern von dilettantischen Tätern.«Guillaume Paoli: »Für die Entökonomisierung des Alltags«
»Oh Baby, balla balla«
18. Mai 2009
Skala: »Idioten«
Wie spielen? – Neun SchauspielerInnen ringen darum, wie und ob sie das Manuskript »Idioten« aufführen können. Wie zwischen Fakt und Fiktion etwa Neues (er-)finden? Sie beginnen mit szenischen Studien, die sie abrupt sein lassen, nehmen neue Posen ein, nur, um sich erneut über diese zu zerstreiten. Wie in Lars von Triers Filmvorlage werden so allerhand Handlungen durchgespielt, die von den gesellschaftlichen Konventionen abweichen. Schließlich bestimmen sie alles Abweichende, Deviante als krank und verrückt. Da scheint es geradezu notwendig, auch auf der Bühne das reine Nacktsein zu übersteigen und für manchen vielleicht Obszönes zur Schau zu stellen. Wohl darum war die Vorstellung P18.
Seine angehende Wirkung jedenfalls kann das Stück entfalten. Die improvisierten Figuren, eine gesplittete Bühne mit vermeintlichem Probenraum vorn und einem Hinterzimmer zum Diskutieren – dieses wird mittels Kamera für das Publikum sichtbar – ermöglichen ein fragmentarisches Spiel mit und zwischen den Ebenen. Ein filmerischer Rundgang durch die Technikräume, der als Werksführung einer Gruppe Behinderter gegeben wird, setzte dem noch eins drauf.
Hier gelingt es einmal, dieses ewige Thema der neuen Intendanz anzupacken: die Frage nach den Grenzen und Möglichkeiten von Theater, dieses Ringen um Selbstvergewisserung, das sich bisher durch den Spielplan zog. In »Idioten« bleibt das peinlich-permanente Aus-der-Rolle-Fallen aus. Die SchauspielerInnen sind ja ohnehin die ganze Zeit als Schauspieler auf der Bühne, üben sich im spannenden Grenzgang zwischen Rolle und Eigentlichkeit, ohne dies überbetonen zu müssen, damit es jeder kapiert. So lediglich auf sich selbst geworfen, gelingen ihnen Momente intensiver Interaktionen, erzeugen ihre Rasereien Spannungen, die sich besonders in komischen Eruptionen entladen.
Der Einsatz einer Handkamera – gewiss, die hält nun ständig Einzug auf den Theaterbühnen – ist in dieser Inszenierung einmal wirklich sinnvoll zu nennen, da er ein Gebot des Dogma-95-Stils wiederholt. Und sich diese Inszenierung immer wieder am filmischen Material abarbeitet, ohne bloß Kopie zu sein. Und dass die SchauspielerInnen schließlich ein eigenes Schauspiel-Manifest in die Zuschauerreihen werfen, ist bei dieser Suche nach Form mehr als nur konsequent. Wie sich bei den Dogma-Streifen die Frage aufdrängt, wie real sie nun wirklich sind, so dreht sich in Martin Labrenz’ Inszenierung letztlich alles um den Status der theatralen Situation.
»Go away, blow your brain out«
26. April 2009
Centraltheater: »The Black Rider. Casting of the Magic Bullets«
War ja klar, dass es Hartmann vorgeworfen wird, wenn er statt Pups-Macbeth und Chaos-Matthäuspassion Leichtverdaulicheres ins Programm nimmt. Auch die Autoren dieses Blogs sind sich nicht einig darüber, ob wir das gut finden oder nicht. Andererseits: Gerade DASS wir uns nicht einig sind, ist doch ein Zeichen dafür, dass es immer noch provokant genug ist, was das Centraltheater veranstaltet.
Zuletzt also: »Black Rider«, nach dem Originaldesign von Robert Wilson. Schon klar, das war weder wild noch annähernd riskant, Jorinde Dröse das Musical inszenieren zu lassen. Aber irgendwie tut es doch gut, dass sich in das Repertoire so langsam auch pure, gut gemachte Unterhaltung gruppiert. Ein Stadttheater nur mit Krawall, das gäbs doch auch wieder Krach und Schelte.
Und Wilson, meine Güte, Wilson ist nie verkehrt! Zusammen mit der Musik von Tom Waits sowieso nicht: »Go away, blow your brain out – November!«, und dann purzelt Guido Lambrecht vom Papphirsch, das war ziemlich brilliant und herrlich schräg
Jetzt reichts aber auch mit Musikabenden; mit der »Klimarevue« und »Black Rider« haben wir nun zwei (und wenn man die Skala mitzählt scheint es fast, als hätte das Centraltheater eine Musical-Sparte eröffnet). Als nächstes dürfen dann gerne mal wieder ein paar Füchse wie Kruse kommen, auch wenn die bisweilen anstrengend sind. Sollte nicht auch Pollesch gegen Ende der Spielzeit hier inszenieren?
Hau drauf auf den Kritiker
4. April 2009
Centraltheater: »Arsen und Spitzenhäubchen«
»Arsen und Spitzenhäubchen«, das versprach Broadway-Amusement, spritzige Unterhaltung – wenn es gut gemacht ist. War es aber nicht. Sicher, einige Zuschauer kamen vielleicht auf ihre Kosten, als die Witzchen leicht vor sich hin plätscherten und die Schauspieler derart herumzuckelten, sodass der gewollte Slapstick-Effekt zum Ausdruckstanz wurde. Und warum musste man schon wieder das Theater zum Thema zu machen: Ja, die Welt ist nach wie vor eine Bühne, und wenn der Sprecher einer Theaterkritikerrolle auf den weltbedeutenden Brettern sagt, dass er gerade aus dem Theater kommt und etwas hinzufügt wie: »Dabei bin ich noch immer im Theater«, kann er nur noch ein müdes Lächeln ernten. Die ewige Wiederkehr des Gleichen verliert halt schnell ihren Reiz. Ansonsten: Hau drauf auf den Kritiker, der eh nichts kapiert, nur sein Ego streichelt und sowieso lieber Musicals als »ernsthaftes« Theater sieht. Die Menge tobt. Und ewig wird die Causa Spiralblock zitiert, ach Gottchen, wie lustig. Stadelmeier hätte sicherlich seine Freude daran gehabt. Doch Leipzig ist nicht Frankfurt, Gott sei Dank. Und Stadelmeier nicht überall.
Diesen ungaren Auswurf eines Komödienstücks kann doch keiner ernst nehmen bzw. ernsthaft lustig finden. Hartmann als dekonstruktiver Inszenator, unter dessen kreativen Händen die Texte zum Fragment zerfließen? Hartmann der Werkzertrümmerer, für den Klassiker nur Bergwerke darstellen, Rohmaterial fertig zum Abbau? Schön wär’s. So kommt »Arsen und Spitzenhäubchen« als halbherziger Versuch daher, sich beim Publikum anzubiedern. Frei nach der Punkcombo Hass: »Gebt der Meute was sie braucht.«
Die Glorie des Unvereinbaren
28. März 2009
Centraltheater: Konzert Soap&Skin
Eins muss vorweg gesagt werden: Die übliche Technik eines Kritikers, durch Beobachtung, Vergleich und Schubladenschieben zu einem endgültigen Urteil zu gelangen, ist gestern Abend vollkommen misslungen. Die Künstlerin Soap&Skin schaffte es im Viertelstundentakt, jede gerade gewonnene Meinung völlig zu zertrümmern. Am Ende steht einzig die Erkenntnis, dass die Wahrheit sich tatsächlich aus so vielem zusammensetzt, das klingt banal, aber selten bekommt man es so glasklar vorgeführt wie an diesem Abend.
Ich hatte am Abend vorher Elias Canetti gelesen: »… daß man Sovieles und Gegensätzliches in sich fassen kann, daß alles scheinbar Unvereinbare zugleich seine Gültigkeit hat, daß man es fühlen kann, ohne vor Angst darüber zu vergehen, daß man es nennen und bedenken soll, die wahre Glorie der menschlichen Natur […]« - genau dieses Wunder ist es, das einen bei einer Begegnung mit Soap&Skin überrollt.
Am Anfang war das Vorhaben, in diesem Blog einen Text über die Selbstinszenierung eines kleinen, traurigen Mädchens zu schreiben. Über eine Achtzehnjährige, die es schafft, sich zu einem Kunstwerk zu stilisieren. Fing auch alles ganz viel versprechend an: Ein glänzender, schwarzer Flügel auf der Bühne des Centraltheaters, obendrauf ein Laptop, davor zwei Sträuße weiße Lilien, drumherum viel Nebel, und ich dachte mit einem Anflug von Überheblichkeit an die eigene Jugend und dass sich diese romantische Melancholie schon von selbst austreiben würde.
Der erste Abschied von einem vorschnell gefassten Urteil kam, als Anja Plaschg, also Soap&Skin die Bühne betrat und sich, ohne einen Blick ins Publikum zu werfen, an den Flügel setzte und zu spielen begann. Denn das war alles andere als inszeniert, ganz schlicht und ergreifend eine Musikerin, die ihre Kunst macht. Wenig ergreifend, zudem (was aber vor allem an dem unentwegten Klicken der Kameras lag, eine wahre Fotografenschar, die sich glücklicherweise nach dem dritten Lied verabschieden musste).
Nach den ersten, sehr zaghaft gespielten Songs dachte ich, vielleicht ist sie wirklich einfach nur authentisch, und ich begann diese Frau ins Herz zu schließen. Ich hatte vorher schon gehört, dass Soap&Skin extrem öffentlichkeitsscheu sein sollte, doch das hatte ich geflissentlich bezweifelt, immerhin gibt es großartige Fotografien von ihr, von ihr selbst produzierte Videos im Netz, all das. Aber wie sie nach jedem Lied mit den dünnen Beinen unter dem Flügel hin und her rutschte und sich auf ihre Lippen biss, den ganzen Körper unter Anspannung, bis der Applaus einsetzte, das kann man doch unmöglich spielen. Ein trauriges und wirklich begabtes Mädchen, das in der Tat sehr unsicher ist, und das noch sehr viel Schutz in ihrem Leben brauchen wird, das war also die nächste Erkenntnis über sie.
Dann aber, nach zwanzig Minuten vielleicht (oder es waren mehr, irgendwie schien de Zeit verrückt zu spielen), marschierte sie plötzlich steif von der Bühne – Black. Im Dunkeln konnte man dann eine Figur erahnen, die an den Rand der Bühne trat, kurz hinunter stieg. Zu dröhnendem Industrial-Sound stand sie gleich darauf im roten Licht auf der Bühne, sagte unverständliche Worte, griff sich verwirrt an den Kopf, wandte sich ab – und setzte sich wieder an den Flügel. Noch ein zweites Mal sprang sie aus ihrer Rolle heraus, trat an die Rampe und sang dröhnend zum Computersound, ihre Hände verbogen sich skurril, sie brüllte im Dämmerlicht. Erschüttert von dieser Wucht hatte ich fast ein bisschen Angst vor ihr, und ich dachte: Dieses Kind kann sich schon ganz gut selbst beschützen.
Dann aber wieder der Zusammenbruch dieses Bildes, als sie das erste, das einzige Mal sprach: »Danke, dass ihr alle gekommen seid«, mit einem scheuen Blick ins Publikum, und man konnte ihr förmlich ansehen, welch körperliche Anstrengung diese Ansprache von ihr erforderte. Als dann eine beträchtliche Zahl der Zuschauer aus unerfindlichen Gründen als Antwort zu kichern begann, blickt sie erschrocken zur Seite, wartete kurz – und fragte dann: »Was ist so lustig?«, woraufhin der Saal schwieg. Mein Gott, wie kann man ihr das antun, fragte ich mich, und wieder der Impuls, diesem auf einmal doch wieder sehr schwachen Wesen zu helfen, zu schützen vor den Grausamkeiten dieser Welt.
Am Ende, mitten im nicht enden wollenden Applaus, verteilte sie die Lilien an das Publikum. Dieser Moment fasst all das, was an Verwirrung im Laufe des Abends zusammen gekommen war, perfekt zusammen: Vielleicht ist sie in der Tat noch sehr jung, sehr naiv und sehr unsicher. Gleichzeitig scheint sie sich bewusst über die Wirkung dessen zu sein, die sie sehr intuitiv und gleichzeitig mit beeindruckender Technik inszeniert. Und vielleicht benötigt sie gerade diese Inszenierung, um sich in ihrer gnadenlosen Selbstentblößung zu schützen – einer Selbstentblößung, die offenbar Teil ihrer Authentizität ist.
Und vielleicht ist es genau das, was eine Künstlerin ausmacht: Dass all das zusammen, um noch einmal auf Canetti zu kommen, die eigentliche Wahrheit und Glorie ausmacht, all die Widersprüche und das Unvereinbare. Am Ende steht die Hoffnung, dass die Zertrümmerung jeglicher Erwartung immer wieder der Gier der Öffentlichkeit auf ein in sich konsistentes Kunstprodukt zunichte machen wird.
Bildband auf der Theaterbühne
21. März 2009
Centraltheater: »Braune Kohle«
Also, ich will ja wirklich nicht biestig wirken, aber was da am Donnerstagabend im Centraltheater passierte, das war ehrlich nicht schön. Sechzehn Laien aus der Braunkohle, einige richtige Kerle also, und ein paar ordentliche Damen. Vom Leben gezeichnet, so richtig real life also. Dazu sechs Schauspieler, die in den Erinnerungen dieser »wahrhaftigen« Menschen buddelten, Geschichte zutage förderten, die man sich vielleicht mal in einem Sammelband »Mein Leben unter Tage – Braunkohle in Sachsen« angucken würde, mit vielen Bildern. Wahrscheinlich aber nicht mal das. Ein nostalgischer Bildband auf der Theaterbühne, ach nee, das muss nicht sein. Da hatte Regisseur Dirk Cieslak vielleicht ein bisschen zu wenig vor - einfach nur erzählen, das reicht manchmal, aber nicht immer.
Die Laien haben sicherlich eine für sie wichtige Auseinandersetzung mit ihrer Geschichte erlebt, die Zuschauer mit Braunkohlebezug freuten sich, und die Schauspieler haben bestimmt viel gelernt. Für einen Theaterabend aber ist das alles zu wenig. Zu wenig Reibung, zu wenig Schmerz, zu wenig Thema. Auch wenn Emma Rönnebeck wirklich großartig ist, man wollte sie am liebsten an der Hand nehmen und sagen: »Liebe, lass das doch hier, du kannst viel mehr!«
Ausführliche Rezension zur Inszenierung gibt es auf nachtkritik.de.