»Krch«, »Brrrz« und »Srrt«
30. November 2008
Oper Leipzig: »Jenufa«
Gestern in der Oper: Fischfang nach den schönsten Metaphern. Zum Beispiel: »Ach, mein Verstand ist schon längst ins Wasser gefallen«. Oder »Ihre Augen holen einem die Seele aus dem Leib«.
Und das in diesem Werk, Janaceks »Jenufa«! Eine Oper auf Tschechisch, das ist, sagen wir mal, gewöhnungsbedürftig. Lauter gesungenes »Plotsch«, »Krch«, »Brrrz« und »Srrt«, ein Konsonanten-Feuerwerk, das vom großen Leid erzählt.
In dieser Sprache dann solche Sätze, netterweise übertitelt: »Glaubst du, ich lasse dich im Stich? Schon wegen deiner apfelglatten Wangen nicht!«, so der Geliebte zu seiner schwangeren Jenufa. Und das Metaphern-Fischen wird zur Suche nach den schönsten Liebeserklärungen. Dass er sie am Ende natürlich doch im Stich lassen wird, der Haudegen, das blenden wir hier mal aus. Seine Seele war nicht rein. Und was nützen dann die kühnsten Formulierungen?
Aber rein ist an diesem Abend niemand, »Jenufa« erzählt von Lügen und Kindsmord, es ist ein grandioses Unterschichten-Drama – und mittendrin eben diese Sätze: »Überall Dunkelheit, nur der Mond scheint auf die armen Menschen«. Da lässt sich auch der Opern-Habitus ertragen, dessen An-die-Brust-Schlagen und Zur-Seite-Werfen man lieben muss, oder man gewöhnt sich nie dran.
Die Rückkehr in die prosaische Welt: ein Schock. Ausschau gehalten nach Geständnissen, Wahrheiten - oder wenigstens einem kleinen sprachlichen Schnörkel. Stattdessen zuckt jeder für sich allein.
Hölle in Halle
27. November 2008
Thalia Theater Halle: »Stella«
Dafür fährt man nach Halle: Für Goethes »Stella« in einem pittoresken Festsaal, mit viel Plüsch und Laub und Hallodri, aber ohne jegliche Idee.
Die Hallenser allerdings sind höchst vergnügt. Neben uns ein Herr, der bei jeder, jeder, JEDER albernen Zote in Gelächter ausbricht.
Vielleicht sollte man in Anbetracht des großen Erfolges von so einer lausigen Inszenierung wirklich darüber nachdenken, ob man Regietheater nicht einfach komplett abschafft und nur noch Spring- und Jauchz-Komödien bringen sollte, damit das Volk wenigstens nicht auf dumme Ideen kommt. Kennen wir das nicht irgendwoher?
Wenn Sebastian Hartmann in der Skala die Augen schließt
24. November 2008
Skala: »Blut und Bananen«
Die Dame vom Abenddienst: »Die Tür bleibt offen«. Sie meint damit, dass man rein und raus kann, wann man will. Das ist sehr freundlich. Denn dieser Abend in der Skala ist ein bisschen so wie Sissi-Gucken: Immer mal reinschauen ist erfreulich, die gesamte Länge aber kaum zu ertragen.
»Szenische Übermalung der Agrippina des Daniel Caspar von Lohenstein« steht auf dem Programmzettel. Gestelzte Barockdichtung, unspielbare Rhetorik, seitenlange Monologe über Keuschheit und den Kampf der inneren Begierden, au Backe.
Wir sind ein paar Minuten zu spät, was an sich kein Problem ist, die Tür bleibt ja offen. Die Einlasserin reißt nicht mal unsere Karten ab, »zu laut«, flüstert sie. Andächtig schweigend sitzen etwa 20 Zuschauer auf den Bänken und sehen so aus, wie Zuschauer eben aussehen, wenn sie einer Selbstentblößung beiwohnen. Die geht so: Ein schwarz angemalter, nackter Mann kniet auf allen Vieren, den Hintern zum Publikum gestreckt, in die Höhe, sehr demonstrativ. Er streckt sein Gesicht zwischen den Armen durch und schaut uns mit aufgerissenem, rosa leuchtenden Mund an. Die Nickelbrille glänzt gülden. Er bietet sich dar, für alle Schandtaten.
Und das Publikum schweigt still, unfähig, zu reagieren. Ein Lachen wäre respektlos, Räuspern würde die eigene Schamhaftigkeit entblößen, ein lauter Kommentar gar verraten, dass man nichts verstanden hat.
Dem schwarzen Mann wird ein Bananengürtel gereicht, den er sich umschnallt. Sieht super aus, das Gelb auf dem schwarzen Leib vor schwarzem Bühnenhintergrund. Feinste Sklaven-Ästhetik, der Prototyp des kolonialisierten Negers, der sich in minimalsten Bewegungen über die Bühne bewegt und stilisierte Gesten der Unterwerfung produziert: Bücken, Verneigen, vorsichtig den Kopf heben und skeptisch in das ihn kontrollierende Publikum blickend. Dazwischen wieder die trotzigen Schritte von einem, der nichts zu verlieren hat.
Das Ganze passiert in Zeitlupe, nur das Stakkato der gelesenen Original-Textpassagen durchbricht die Stille. Und sein vorsichtiger Versuch, den weißen Teil der Bühne zu betreten: Wie auf einen Sprung vom Zehner muss er sich darauf vorbereiten.
Als der Bananengürtel zermatscht ist, bekommt er einen neuen gereicht und das Spiel beginnt von vorn. Die Tür ist immer noch offen. Zum Glück für uns.
Und pssst: Sebastian Hartmann hat zwischendurch tatsächlich ein Nickerchen gemacht.
Griechische Feinkost
19. November 2008
Cammerspiele: »Der stumme Diener«
Die Erkenntnis des Abends: Ein Mord an einer Frau ist blutiger als der an einem Mann. Weil sie weicheres Gewebe hat.
Genauso perfide ist der Plot des Stücks: Zwei Auftragskiller sitzen in einem Keller und warten auf ihr nächstes Opfer. Obrigkeitsgläubig werden sie jeden erschießen, der ihnen vorgesetzt wird, ohne nachzufragen.
Im Centraltheater wäre das kaum ohne eine große Blutorgie gegangen. Hier werden zwei Eigelb mit ein bisschen Farbe gemischt und ausgekippt. Fertig ist der Blutfleck und das Zeichen des letzten Mordes. Das Gewebe kann man sich dann dazu denken.
In den Cammerspielen ragt immer mal ein Balken ins Blickfeld, oder der Kopf des Vordermanns, aber dafür kann man Bier trinken und den Schauspielern so ungefähr in den Bauchnabel hinein gucken. Die Schauspieler sind hier Philipp Nerlich und Christian Feist, die sich auf der höchstens drei mal zwei Meter großen Bühne die Seele aus dem Leib spielen. Die alle Aufträge erfüllen, auch wenn diese immer absurder werden und so gar nichts mehr mit Mord zu tun haben (Tee, griechische Feinkost, schließlich Scampis). Die aber trotzdem nicht nachfragen, warum sie all das befolgen und sich am Ende gegenseitig vernichten. Gerade in diesem winzigen Raum wirkt dieses Zusammenspiel von Gewalt und Abhängigkeit so beklemmend.
Was sich sonst noch lohnt: Nach der Vorstellung auf dem Hof vom Werk II stehen, im Hintergrund die Rhythmen des Trommelworkshops. Das Kopfsteinpflaster glänzt im Licht, die noch theaterwarmen Füße stampfen gegen die Kälte, eine Zigarettenlänge wird über das Gesehene sinniert.
Ach ja, damals
14. November 2008
LOFFT: »Leipzig für Anfänger«
Das Plakat sagt „You can’t have a hot job, a hot lover and a hot apartment all in the same city“. Schweig, Ketzer! Wo doch unsere sorgsam gezüchtete Zufriedenheit auf der Erwartung genau dieses Zustandes beruht!
Die Drei in dem Stück sind gerade erst nach Leipzig gezogen. So sehr wie sie nicht an das vollkommene Glück in einer Stadt glauben, begeistern sie sich für all jenes, für das wir uns vor Jahren auch begeisterten: Eine Seenlandschaft! Galerien an jeder Ecke! Dieser brüchige Charme! Und alle sind so kreativ!
Ach ja, seufzt man in sich hinein, damals dachte ich das auch noch.
Schauspieler in Tierkostümen sind immer gut, das steht am Ende dieses Abends fest. Laienschauspieler einzusetzen ist hingegen leider eine etwas heikle Angelegenheit, vor allem, wenn sie wie hier geschehen, kaum von den Profis angespielt werden und wie Dekoration wirken.
»Wie lang ist bloß eine Stunde!?«
14. November 2008
Theater der Jungen Welt: »Saffran und Krump«
Ein Mädchen, ca. sechs Jahre alt: »Wie lang ist bloß eine Stunde!?« (aus tiefstem Herzen in den ansonsten andächtig schweigenden Saal gerufen, sich in einer pathetischen Bewegung gegen die Mutter werfend)
Kinder sind die ehrlichsten Zuschauer. Kurz darauf wälzt sie sich vor Vergnügen auf der Bank. So langweilig war es dann wohl doch nicht. War es wirklich nicht, aber Kinder treffen doch irgendwie immer den Kern, und an der Stelle hat es sich tatsächlich ein bisschen gezogen, die Geschichte von Saffran und Krump. Krump ist ein Waldschrattel, wird aber ohne pf gesprochen, und das begreift Saffran nicht. Der ist nämlich viel mehr Grobian als er tut – für die Kinder ein heilloses Vergnügen, wenn die beiden Konkurrenten sich gegenseitig die absonderlichsten Schimpfwörter an den Kopf werfen. Fast langweilig dagegen ist die Versöhnung am Ende, da wird’s dann auch wieder unruhig im Saal.
Es ist jedenfalls einmal mehr bewiesen, dass man ins Theater der Jungen Welt mindestens wegen des Publikums gehen sollte. Die demonstrativ zugehaltenen Ohren, das wilde Gegacker, die fundierten Kommentare (»Der sieht ja blöd aus!«).