Leipziger Wundersames
21. Dezember 2008
Man muss sich doch immer wieder wundern über diese Stadt. Da findet man sich zur Zuschauerkonferenz und erwartet faule Tomaten auf den Intendanten oder zumindest ein Buhkonzert. Doch nichts dergleichen passiert.
Na gut, am Anfang erheben sich ein paar Nörgler (»Macbeth« sei Etikettenschwindel und das ganze Trallala), und die geladenen Gäste referieren über das gute alte Regietheater und warum auch schon Shakespeare nicht textreu war (Horragott, wir haben’s jetzt ja verstanden!). Die Welt erklären lassen will sich der Leipziger nicht, darum pöbeln ein paar dann doch sehr wütend zum Intendanten hinauf.
Aber der ist eben doch ein Hippie, wir haben’s immer geahnt. Denn er sagt diesen wunderschönen, weichen, fast unschuldigen Satz, in einem sehr naiven Berlinerisch: »Ich spüre hier einen kleinen Hass«. Damit beginnt eine Versöhnung, die dann etwa zwei Stunden dauern wird, und während der Hartmann immer wieder betont: »Ich mache das für Sie!« Sogar der wohl unsympathischste Mensch des ganzen Theaters, Chefdramaturg Uwe Bautz, setzt an zur Erklärungsrede. Man fühle sich nicht hermetisch, es sei wichtig, was die Leipziger denken, und darum will man jetzt doch wieder Programmhefte einführen und Publikumsdiskussionen. Kann es sein, dass die da oben doch etwas begriffen haben?
Am Ende lachen alle viel, alle duzen sich und sind ganz friedlich. Ensemble-Mitglied Andreas Keller erinnert noch einmal daran, dass er auch zu Engels Zeiten vor sehr leeren Zuschauerräumen gespielt habe – und wolle man denn wirklich das Theater zurück?
Ganz ehrlich, die Experten hätte man sich sparen können. Hartmann hat mit seiner naiv vor sich hin plappernden Art den Konflikt eigentlich allein gestemmt. Erklärt sein Theater, begründet die Brüche in einen Inszenierungen und kündigt an, bald ein Stück ganz ohne Videos und Nebel zu inszenieren.
Man muss sich doch immer wieder wundern über diese Stadt. Und vorsichtig sein, sich nicht in Sicherheit wähnen. Kann immer noch sein, dass nur keiner mehr Lust hatte, zu diskutieren – und beim nächsten Mal wieder Tomaten fliegen.
Gerüchteküche I
18. Dezember 2008
Ist das nicht eine großartige Stadt?! Nicht mal eine Million Einwohner, und trotzdem ein kulturpolitischer Skandal nach dem anderen. Oder andersrum: Über eine halbe Million Einwohner, und trotzdem nicht in der Lage, richtige Entscheidungen über die Theater, Opern und Festivals dieser Stadt zu treffen.
Willkommen im fröhlichen »Wir machen uns unser Theater selbst, nur nicht im Theater«-Spiel! Willkommen in der Gerüchteküche!
Da richtet sich Sebastian Hartmann eine »Skala« ein, die total hip sein soll und leider immer leer ist. Die absolut unbrauchbares Theater veranstaltet und dabei so zickig ist, dass sie sogar René Pollesch vergrault. Der ist nämlich wutentbrannt abgereist, darum gibt es noch mehr offene Proben zu sehen. Schade drum, seine herrlich schwulen Achtziger-Spielchen waren irgendwie so schön entspannt, im Gegensatz zu all dem »Wir-wollen-Geist«-Geblöke der letzten Skala-Wochen.
Abseits des Centraltheaters wird gemunkelt, dass Frau Wolff für ihre euro-scene schon wieder mehr Geld bekommt. Um viele weitere Jahre ihre One-Woman-Show durchzuziehen, in der manchmal Glücksgriffe dabei sind, meistens aber viel Tüdelü ohne Sinn und Verstand.
Die Cammerspiele hingegen werden wohl schließen müssen. Für 2009 werden nur 6.000 Euro bereit gestellt, so viel kostet bei Frau Wolff ungefähr das Benzin für den neuen Festival-BMW plus Mineralwasser für die Praktikanten. Und die Cammerspiele machen das einzig richtige: Sie setzen ihren Spielplan aus. Irgendwo hört’s ja auch auf, von nichts kommt nichts.
Heute Abend ist »Zuschauerkonferenz« im Centraltheater, das ist doch mal was. Diejenigen, die auf dem Podium sitzen, waren zwar wahrscheinlich höchstens einmal in einer Inszenierung im Centraltheater, aber egal. Hauptsache, der Name klingt gut. Bloß der Name des Moderators ist nicht bekannt. Der hat nämlich abgesagt, ein paar Stunden vorher. Vielleicht macht’s ja Pfarrer Führer, der sollte eigentlich mitdiskutieren, aber da hatte man sich sowieso gefragt, ob Hartmann da was falsch verstanden hat.
Schuld ist die Katze
12. Dezember 2008
LOFFT: »Toxoplasma«
Da ist dieser Parasit, Toxoplasma gondii. Wer sich mit ihm infiziert (durch Kontakt mit Katzen oder mit infiziertem, rohen Fleisch), verhält sich mitunter seltsam: Betroffenen ist nichts peinlich. Sie suchen das Risiko, sind spontan und geschwätzig. Männer waschen sich nicht mehr. Frauen hingegen legen mehr Wert auf ihr Äußeres. Die Menschen verhalten sich distanzlos und offenherzig, sie lassen ihren Stimmungen freien Lauf.
In Brasilien sind 70 Prozent mit Toxoplasmasmose infiziert, in England sind es nur 7 Prozent, irgendwie haben wir es doch geahnt. Und in Leipzig 60 Prozent. Es ist also gar nicht so unwahrscheinlich, dass man sich ansteckt.
Ich bin seit gestern Abend davon überzeugt, dass ich besonders stark befallen bin. Es ist die Erklärung für jeden Gefühlsausbruch und jedes unüberlegt geäußerte Wort, die Entschuldigung für alle Eitelkeiten und hedonistischen Tendenzen. Schuld bin nicht ich, schuld ist die Katze!
Sex auf Achtziger
10. Dezember 2008
Skala: Kolonialhotel 2 mit René Pollesch: »Passionsspiel«
He-Man-Dildo. Goldener Regen. Kniehohe Stilettos. Wir sind zurück in den Achtzigern, zumindest was das sexuelle Vokabular angeht.
René Pollesch gastiert in der Skala und bringt ein Gesellschaftsspiel mit, das er vor 20 Jahren entwickelt hat. Moment mal, ein Gesellschaftsspiel? Klar, das »Passionsspiel«, ein Monopoly mit dem Ziel, die fetischistischen Gelüste bestmöglich zu befriedigen. Und so jagen wir nach der Batman-Lampe, die uns erregt, ersteigern Ostblock-Schokolade und versuchen unseren Triebqouotienten so niedrig wie möglich zu halten. Das alte Thema des Warenwerts von Sex, extrem affirmativ als Mitmach-Spiel inszeniert und damit irgendwie schon spannend.
Zuerst ist es Protest. »Abspritzen« und »Penisgröße« sind die Kategorien, na bravo. Alles zielt auf männlich-dominierte Fantasien, auf ein triebgesteuertes Handeln. Die Reaktion ist Abwehr, wir wollen es zuerst hinwerfen. Da hat sich die Skala mal wieder was Tolles ausgedacht.
Dann kommt der Ehrgeiz: Auf zur freudigen Triebbefriedigung! Mitspieler werden im Spiel ausgeraubt und bei der Schwarzmarkt-Versteigerung ausgestochen. Jeder ist sich selbst am nächsten, ganz wörtlich gesprochen. Das ist dann wirklich eine kapitalistische Gier nach dem Sieg, der hier ja der Orgasmus ist, und irgendwann stecken wir alle drin und jubeln, als der erste an einem der Spieltische »zum Höhepunkt kommt«.
Am Ende noch mal Abwehr: Der vom Spielleiter vorgegebene Fetisch muss allen Mitspielern vorgelesen werden. Da sträubt sich alles, weil es so pervers ist. Eine tatsächlich fast körperliche Erfahrung im Theater, das ist doch was. Und das ist auch der Unterschied zum Monopoly-Abend zuhause, und auch der zum normalen Theaterabend. Weil man wirklich etwas spürt und die Situation mitgestaltet. Gleichzeitig ist alles Simulation, man erholt sich in der Gewissheit: »Das hier bin nicht ich« - und wie viel von einem selbst mit drin steckt, nun ja, das lässt sich schön verdrängen.
Das alles wird von ein paar Skala-Schauspielern angeleitet – die aber mal nicht spielen, sondern einen ziemlich witzigen Abend gestalten und zwischendurch Würstchen und Kartoffelsalat servieren (hallo, Achtziger!). Sie sind erstaunlich entspannt, ganz anders als bei vielen Skala-Veranstaltungen zuvor, als man das Gefühl hatte, der Stock der Coolness habe sich tief in das Rückgrat eines jeden gefressen. Und René Pollesch läuft zwischen den Spieltischen umher und beobachtet, mischt sich ein, raucht Stange – und ist ein ziemlich netter Kerl, wer hätte das gedacht.
Verstaubte Teppiche und Harmoniesucht
8. Dezember 2008
Oper Leipzig, Podiumsdiskussion: »Wagnis Kunst«
Da haben wir sie doch, die Antwort auf die drängende Frage, warum in Leipzig die Theater viel zu leer sind. Eigentlich ging es gestern in der Oper um den »Skandal«, den die Premiere vom »Fliegenden Holländer« ausgelöst hatte. Auf dem Podium sitzen – na klar – nur männliche Vertreter der hiesigen Opernkennerszene (Konwitschny, Korfmacher und Co.). Am Anfang ist alles noch recht ruhig, irgendwann artet es dann ziemlich aus, und der Skandal-freudige Leipziger reibt sich zufrieden die Hände.
Und dann. Und dann steht einer auf, der sich selbst »Stammgast« nennt. Und er sagt das, was wir doch alle schon vermutet hatten, als wir im leeren Centraltheater saßen, im leeren LOFFT und im leeren Westflügel: »Wir kommen wegen der Musik, wir wollen nicht provoziert werden. Wir wollen einen schönen Abend haben. Wir kennen die meisten Opern auswendig und haben sie schon zig Mal gesehen. Wir wünschen uns keine großen Veränderungen« - da haben wir’s.
Die über weite Strecken ziemlich hochwertige Diskussion zwischen dem Kritiker Korfmacher, dem Regisseur Werner Schröter, dem Theaterwissenschaftler Günter Heeg und anderen wird von diesem nun sehr offiziellen Begehren des Publikums immer wieder auf den knöcheltiefen, flauschigen und ziemlich verstaubten Teppich gebracht, zum Beispiel so:
Erläutert der Theaterwissenschaftler Heeg die Notwendigkeit, Spannungen zwischen dem Werk und dem Heute in einer Inszenierung aufzuzeigen, zieht ein Herr vom Wagnerverein die Debatte zurück in einen Dämmerzustand, weil er Wagners »eigentliche« Intentionen akribisch aufzählt und man sich an die Forderungen nach Werktreue der Fünfziger zurück versetzt fühlt.
Argumentiert Schröter damit, dass ein Eingreifen des Intendanten in das Werk des Regisseurs Zensur sei, meldet sich eine scheinbar persönlich brüskierte Dame und sagt, der »Holländer« sei einfach nur dumm gewesen und man dürfe so etwas nicht zeigen. Was das Verbot einer Inszenierung vor der Premiere bedeuten würde, wer sich denn die Kompetenz anmaßen soll, den Wert von Kunst zu bestimmen, dazu kann es nicht kommen, weil das Publikum jubelnd zustimmt.
Streiten sich LVZ und Oper über die einseitige Berichterstattung, die Freiheit der Kritik und die Möglichkeit der Meinungsbildung, stampfen wütende Operngänger auf und brüllen lautstark »Stimmungsmache!«
Der berechtigte Kommentar Heegs, der eigentliche Skandal seien die Reaktionen des völlig aus der Haut fahrenden Publikums gewesen, versickert dann auch komplett. Kein Wunder, sitzen doch hier im Foyer sicherlich einige, die damals in der Premiere am lautesten mitgebuht hatten.
Der Kern der Sache, der Satz des Abends, der bleibt wie ein Damoklesschwert im Raum stehen: »Wir wollen nicht provoziert werden«. Vielleicht war es ganz gut, dass Sebastian Hartmann nicht da war. Der hätte angesichts dieser geballten Ladung Harmoniesucht sicher das Zittern bekommen.
Genderstudies mal anders
7. Dezember 2008
Schaubühne: »Die tapfere Hanna«
Und schon wieder eine Hanna. Scheint ein flexibler Name zu sein – gestern stand sie als Synonym für eine, die zu Höherem berufen ist. Eine Waschfrau, die gerne Jeanne d’Arc wäre. Gespielt wurde sie von Gardi Hutter, der weltbekannten Clownin, die in Leipzig schon eine riesige Fangemeinde hat.
Hanna ist eine waschechte Drama-Queen. Sie ist so dermaßen genervt von ihrem Job, dass sie immer wieder neue Tricks erfindet, um sich davon abzulenken: Sie nimmt jedes einzelne Wäschestückchen und trägt es in den Waschzuber, bis aus dem rhythmischen Stampfen ein Flamenco wird. Sie trägt einen Kampf mit einem aufmüpfigen Oberhemd aus, das sie immer wieder in die Fluten zerren will. Sie lässt kleine Papierfiguren mit lautem Geschrei in den Abgrund stürzen – und ist ganz beseelt von ihrer eigenen Fantasie. Zwischendurch spielt sie immer wieder Jeanne d’Arc, obwohl sie mit dem schweren Holzschwert heillos überfordert ist.
Überfordert ist sie übrigens auch von ihrer mächtigen Oberweite. Dann fragt sie sich, ob es als Mann nicht besser wäre. Schlüpft in eine Hose und fühlt sich gleich stärker und tapferer. Bis sie merkt, dass auch als Mann der Waschberg noch da ist. Genderstudies mal anders.
Das alles als Clownsspiel. Klingt vielleicht albern, ist aber große Kunst: Slapstick, Show und feinstes Schauspiel in einem.
Fantastisch, wenn ein Ort wie die Schaubühne so sehr zusätzlich bestuhlt werden muss, dass man vermutet, die auf den hinteren Plätzen können gerade mal ahnen, was da vorne passiert.
»Heiraten nur ohne Strick«
4. Dezember 2008
Centraltheater: »Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen«
Morgens um zehn in das Weihnachtsmärchen vom Centraltheater, das das ist wirklich nur was für Hartgesottene. Denn die Action, die die gefühlten siebzehntausend Kinder hier hinlegen, übertrifft an Lautstärke jede René-Pollesch-Inszenierung und jeden Silvester-Krawall.
Und das läuft ungefähr so: Ein Kind ruft erschrocken: »Achtung, hinter dir steht jemand!« - und der ganze Saal bricht in tosendes Gebrüll aus. Irgendwann interessiert es auch nicht mehr, was inhaltlich eigentlich passiert, die Effekte und Slapstick-Einlagen kommen viel besser an.
Das Weihnachtsmärchen wird gespielt von den Schauspielstudenten – und irgendwie passt das. Sie haben noch Bock auf Quatschmachen, reagieren locker auf die herrlich unqualifizierten Kommentare im Publikum. Albrecht Schuch als Jakob ist natürlich bald der Liebling, der sich dagegen sperrt, erwachsen zu werden: »Soll ich sagen: Hallo Leben, ich bin Jakob? Nee!«
Heiraten findet er am Ende natürlich dann auch eher blöd als super. Schon sein Vater hatte ihn gewarnt: »Wenn man heiratet, muss man sich so fest aneinander binden, mit so nem… Strick!« - und er würgt und steigt am Ende eher aus Spaß ins Bett der Königstochter Hanna. »Heiraten nur ohne Strick, ja?«
Diese Botschaft werden die meisten Kinder höchstens am Rande mitbekommen haben. Macht ja auch nichts. Spaß ist alles, und wer denkt jetzt auch schon daran, wie anstrengend das Leben wird, wenn man an solche überflüssigen Dinge wie Heiraten denken muss.
Naja, am Ende hat die Prinzessin Hanna ok gesagt, heiraten ohne Strick. Erwachsenwerden, ganz langsam.
Wer-lässt-hier-wen-hängen-Spielchen
3. Dezember 2008
Weißes Haus: »Henrike ganz privat«
Das hat man also davon, wenn man die Trennung zwischen Bühne und Zuschauerraum auflöst. Im Weißen Haus, der neuen Centraltheater-Spielstätte, wurde das ganz ausdrücklich angekündigt. Wohnzimmer soll es sein, Interaktion erwünscht.
Aber Interaktion plus Glühweinausschank vorm Theater, das geht gründlich in die Hose.
Denn die beiden, wir nennen sie hier mal Frau Stiefel und Herr Mütze, sind sichtlich vergnügt, mit einem heißen Glühwein ausgestattet und wirken ein bisschen überrascht, als sie auf den Hockern Platz nehmen: »Wo sind wir denn hier gelandet?« - Theater sieht für sie offenbar nicht aus wie eine Almhütte, an die das Weiße Haus erinnert.
Und es ist erstaunlich berührend, was Henrike von Kuick und Ben Hartmann hier hinlegen: Eine Collage zwischen Beerdigung und Vorspiel, zwischen todtraurigen Dialogen und fatalistischem Wortkampf zweier, die sich nicht aneinander festhalten wollen, das Loslassen aber auch nicht hinkriegen.
»Wie ist es denn, wenn man sich verliebt?« - »Wie wenn man sich verirrt«. Gespräche wie diese klingen vielleicht abgeschmackt, aber irgendwie schaffen die beiden es, das Ganze nicht wie eine Möchtegern-Coming-of-Age-Blamage wirken zu lassen, die so ziemlich jede Hinterbühne schon mal in den Sand gesetzt hat.
Henrike nihilisiert alles, was Presley (so nennt sie Ben Hartmann) schön findet: Baden gehen, Schokolade essen. Sie kotzt ihren jugendlichen Überdruss aus, am Ende in einem gekieksten Lied: »Wie kriege ich die Zeit bis zur Beerdigung noch um?« Fatalistisch, traurig-schön.
Zu viel offenbar für Frau Stiefel und Herrn Mütze. Die werden immer lustiger, machen immer blödere Sprüche, und dann schellt sogar – polyphon-weihnachtlich – das Handy durch den kleinen Raum. Herr Mütze verlässt raschelnd den Raum, Frau Stiefel hält sich den Bauch vor Lachen.
Je mehr der Glühwein wirkt, desto lauter werden Frau Stiefels Kommentare: »Zieh doch mal die Badehose an!« Die Schauspieler versuchen es zu retten, indem sie auf die Späße eingehen – nur leider zerreißt das immer wieder die beklemmend-anrührende Stimmung dieses Wer-lässt-hier-wen-hängen-Spiels.
Egal. Am Ende ein eingespielter Film der beiden, in dem sie singend Auto fahren. Dazu »Pick up the Phone« von The Notwist – zum Heulen. Auf die Zugabe, die Frau Stiefel und Herr Mütze fordern, gehen sie glücklicherweise nicht ein.
Nicht die feine demokratische Art
1. Dezember 2008
»Wärt ihr doch heiß oder wenigstens kalt, aber ihr seid nur lauwarm« - für diesen Satz hat es sich gelohnt, die Matthäuspassion von Hartmann ein zweites Mal zu sehen.
Ansonsten war der erste Teil noch mal besser als beim ersten Mal: weich, behutsam, berührend. Der zweite Teil dafür zwanzig Mal langweiliger, einschläfernder und uninteressanter als zuvor. Und im letzten Teil waren erstaunlich viele Zuschauer doch noch da. Es gab keine Buhrufe beim Applaus. Wer sagt eigentlich, dass das Centraltheater immer leer ist?
Am Ende dieses Abends steht außerdem:
1. Regeln für Zuschauer: Reinrufen ist kein Problem, aber dann doch bitte innovativ. »Wir haben’s jetzt verstanden« in der Matthäuspassion ist nur leider alles andere als innovativ, es wurde schon bei der Premiere mehrfach gegrölt; und gerade die Wiederholungen zu Beginn des dritten Teils haben durchaus dramaturgischen Zweck. Also lieber mal nachdenken, wogegen man protestiert, wenn es denn unbedingt sein muss.
2. Regeln für Schauspieler: Nicht immer alles so ernst nehmen. Vor allem nicht Kommentare von solcher Inkompetenz. Und wir sind doch nicht in der Schule! Sätze wie »Möchten Sie mitspielen? Nein? Dann Ruhe!« ist nun auch nicht gerade die feine demokratische Art, die sich das Centraltheater auf die Pforten schreibt.
3. Der Pilot-Barkeeper ist der netteste der ganzen Stadt, bloß die Kaffeemaschine braucht zu lange für eine Theaterpause.
4. Man sollte sich dringend überlegen, ob man nicht wenigstens in der Matthäuspassion Getränke im Zuschauerraum erlauben sollte. Fast fünf Stunden, zwei kurze Pausen – mit einem Bier in der Hand wären alle etwas entspannter.