Der Beat, das Verlorensein

27. Januar 2009


Centraltheater: »Schwarztaxi«

 

Selbst wenn in dieser Inszenierung das Fehlen einer Geschichte, einer Struktur, gelangweilt hätte, wäre immerhin eins geblieben: Die Romantik, die dann entsteht, wenn Musik und Autofahren zusammen kommen. Schon ein Leben lang sind das die Momente größter Schönheit.

 

Zum Beispiel, ganz früher: Nachts auf der Rückbank des Familienkäfers gen Süden auf der hell erleuchteten Stadtautobahn, im Ohr die Musik des Autoradios und das Wissen um die bevorstehenden sechs Wochen Sommerferien.

 

Oder: Im Bus an der kretischen Steilküste entlang, brütende Hitze und zusammenklebende Oberschenkel, und der Walkman spielt die verwegene Urlaubskassette ab, die der Liebste vor der Abreise noch gemixt hat.

 

Oder: Im Zug Richtung Norden, aus dem iPod tönt das Heimkommen-Lied, hinter der Silhouette des Hafens geht die Sonne unter; und kein Moment ist so heilig wie dieser.

 

Eben das eigene Leben zu einem Roadmovie machen, mit dem richtigen Soundtrack und der nötigen Portion Pathos.

 

Ja, so sieht’s aus: Auch wenn die Geschichte, die da im »Schwarztaxi« inszeniert wird, mit dem tradierten Begriff von »Theater« kaum erfasst werden kann, so war es allein wegen dieser Fahr-Sequenzen ein traumartiges, entrückendes, berauschendes Ereignis. Nachts durch Leipzig, draußen rauscht die Stadt vorbei, der Sound auf Anschlag.

 

Das permanente Warten auf eine Auflösung der verworrenen Geschichte - sie bleibt ein Traumgebilde. Was ist hier echt und was nich? Manchmal macht einen das fast verrückt, dieses Nichtwissen.

 

Und immer wieder diese Musiksequenzen: Sphärische Klänge im Wald. Fette Beats auf der Schnellstraße. Mahlers Sinfonien in der Stadt. Dazwischen Textfragmente: Gespräche zwischen zwei Liebenden, die irgendwie keinen Sinn machen, doch aber eine tieftraurige Atmosphäre schaffen – und hinterher schwappen noch stundenlang Verwirrung und ein bisschen Melancholie durch den Körper.

 

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Die Direktionsloge

14. Januar 2009


»Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui«, Berliner Ensemble

 

Meine Begleitung mag keine großen Menschenmengen. Ein Weihnachtsmarkt ist für ihn ein Graus. Ein enger Theatersaal eigentlich auch (dass er mich überhaupt dorthin begleitet, ist also schon sehr nett).

 

Darum ist es ein großes Glück, dass die Pressemenschen des Berliner Ensembles (altehrwürdig und auch etwas träge, also, das Theater ist jetzt gemeint) unsere Kartenbestellung verbaselt hat. Denn so landen wir dank der äußerst freundlichen Kassenfrau in der Direktionsloge. In der Direktionsloge! Das ist ein kleines Kämmerchen, in dem man ganz allein sitzt, und es hat in diesem sehr engen Theaterchen doch etwas sehr Pittoreskes, in diesem kleinen Kasten zu sitzen, in dem man sich etwas falten muss, um die Bühne zu sehen, aber dafür belästigen einen keine fremden Ellenbogen.

 

Eigentlich sollte es hier ja um Martin Wuttke als Arturo Ui gehen und nicht um die Direktionsloge des BE, aber was soll man zu dieser Inszenierung noch sagen? Außer, dass es vielleicht wirklich seit Heiner Müller niemanden mehr gegeben hat, der so auf den Punkt gebracht hat, was Brecht meinte. Und dass nach Wuttke niemand mehr Hitler spielen darf, weil höchstwahrscheinlich niemand wieder so sehr die Lächerlichkeit zur Schau stellen wird, und das blanke Grauen im selben Moment.

 

Aber was soll man über diese Inszenierung noch sagen? Außer, dass man fast drei Stunden mit offenem Mund staunte, wie eine so kleine Technik eine solche Wucht entfalten kann?

 

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Zu schön um wahr zu sein

10. Januar 2009



Centraltheater: »Happy Birthday, Heiner«

 

Wer hätte das vor ein paar Wochen gedacht: Da lässt das Centraltheater anlässlich Heiner Müllers achtzigstem Geburtstag eine kurze Performance im Keller des altehrwürdigen Hauses auftreten, und schon rennen die Massen in die Bosestraße. Zwei Mal sollte die Performance zu »Der Auftrag« gezeigt werden, aber dann war der Andrang so groß, dass man noch eine Aufführung ansetzte. Und noch eine.

 

Was sich im Dezember auf der Zuschauerkonferenz angedeutet hatte, wurde gestern also noch mal bestätigt: Hartmann erschließt sich offenbar tatsächlich ein neues Publikum, eins, das einfach Lust hat, ins Theater zu gehen. Ok, der Eintritt war frei – aber die Geduld, die einige aufbrachten, zeugt doch von einer gewissen Hartnäckigkeit.

 

Geduldig wartete man, wenn man nicht mehr eingelassen wurde in die Kellergewölbe, man sah sich im Foyer die Müller-Videos an, und drängte zum Eingang, um mit der nächsten Fuhre reinzukommen. Wie vor dem angesagtesten Club der Stadt wurden diejenigen abgewiesen, die nicht mehr reinpassten, bisweilen sogar mit dem Einsatz leichter körperlicher Gewalt. Eine Freude, so etwas im Theater erleben zu dürfen. Und nebenbei probte Guido Lambrecht die »Hamletmaschine«, die er um 22 Uhr im Foyer performen wollte.

 

Alt und jung vereint, flanierend im Foyer des Schauspiels und im angrenzenden Pilot, in dem eine Müller-Whisky-Bar eingerichtet war. Das klingt alles fast zu schön um wahr zu sein, aber es lässt doch hoffen, dass es noch was werden kann mit Hartmann und der Bosestraße.

 

Die Müller-Performance im Keller war übrigens eine durchaus studentische, aber nicht minder eindrucksvolle Auseinandersetzung mit Müller-Material (von Sophie Witt und Michael Lohmann, die Theaterwissenschaftlerin und derMusikwissenschaftler verwoben diese beiden Hintergründe ziemlich intelligent in einer Raum-Klang-Installation). Zuschauer und Akteure bewegten sich gemeinsam in den beiden schmalen Gängen, kletterten durch Luken und fanden sich an immer anderen Orten wieder. Weniger eine durchgeplante Müller-Interpretation, mehr ein Erspüren der Müllerschen Poetik, mit all ihrer Brachialität. Ob Müller heute noch die Gewalt entwickeln kann, die er seinerzeit besaß? Im Angesicht der verzweifelt-schönen Musik, die immer mal wieder ganz plötzlich in Kontrast zu den gerotzten, gespuckten, gerufenen Worten erklang, schien manchmal die Gewalt von Müllers Sprache auf, die man in jüngeren Inszenierungen so oft vermisst hatte.

 

Darauf: Happy Birthday, Heiner!

 

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Vom Leben und von Bühnen

5. Januar 2009


»Die Rückeroberung der Wirklichkeit halte ich für den wichtigsten Aspekt des Theaters«, sagte Wolfgang Bergmann zur Eröffnung der Theaterakademie Ludwigsburg. Und in der Neujahrsausgabe der SZ forderte die Deluxe-Kritikerin Christine Dössel, mehr dokumentarisches Theater auf die deutschen Bühnen zu bringen. Wenn in der wirklichen Welt alle so täten »als ob« (wie in der Finanzkrise etc.), mache das Theater auf »Real-Life«.

 

Na hoppla, was ist denn hier los? Zugegeben, Rimini Protokoll und Schlingensief haben in den letzten Jahren bewiesen, dass Theater, wenn es das »Echte« abbildet, gut ankommt. Ist ja auch ganz schön, wenn man Schauspiel mit »Echtheitssiegel« (Dössel) sieht, man fühlt sich so herrlich an das eigene Leben erinnert. Aber mal ehrlich, wozu dann noch Theater? Widerspricht sich das nicht diametral, Schauspiel und Echtheit?

 

Oder andersherum gesagt: Vor ein paar Tagen saßen wir in einem kleinen Lokal und vertrieben uns die Zeit des Wartens damit, die Gäste und Angestellten zu beobachten. Die Dreiergruppe nebenan, die sich in ödem Geplänkel verlor. Das schwule Pärchen, das nebeneinander sitzend kein Wort wechselte, einer stocherte hernach unverhohlen in den Zähnen. Die Bedienung hatte große glitzernde Ohrringe und konnte nicht aufhören zu lächeln, die Namen der Gerichte allerdings hatte sie noch nicht auswendig gelernt.

 

Die Realität lässt sich in der Realität beobachten, nirgendwo sonst, so ungeschminkt und deutlich wie nie. Dafür brauche ich keine Bühne, die ja gerade dafür steht, Dinge andersherum zu sehen. Verzerrt, hysterisch überdreht oder in Bildern metaphorisiert. Jenes im Theater zu beobachten, dass ich jeden Tag vor meiner Haustür sehe, hat den Reiz des »Ach ja, kenn ich«.

 

Das allzu Bekannte wieder und wieder in Doku-Soaps und »realistischem« Theater wiederzukäuen, ist eine dumpfe und unbewegliche Erfahrung. Eine neue Welt wird dadurch nicht eröffnet. Es sind die Überzeichnungen und Fiktionen, die das Hier und Heute sagbar machen. Das Normale habe ich im normalen Leben schon genug.

 

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Neujahrssichten

3. Januar 2009

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Der Blog im neuen Gewand. Eine Schneedecke über Leipzig. Eine kleine Leere im Kopf. Und einmal wieder die Erkenntnis, dass das größte Theater manchmal im eigenen Leben stattfindet. In diesem Sinne – ein gesundes 2009!

 

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