Hauptstadtkomplexe?

19. Februar 2009


Centraltheater: »L’affaire Martin! Occupe-toi de Sophie! Par la fenêtre, Caroline! Le mariage de Spengler. Christine est en avance.«

 

Und noch ein Wort zum Hauptstadtkomplex Leipzigs: Immerhin gelingt es uns in all unserem Neid noch, eine Volksbühnen-Produktion zu bejubeln, ohne das permanente Korrektiv im Kopf, mindestens so viel Understatement an den Tag legen zu müssen, wie es die Berliner wohl täten. Das wäre in dem Fall: müdes Lächeln über René Pollesch, übersättigtes Klatschen und zynische Kommentare hinterher.

 

Stattdessen grölt der Saal, braust der Applaus und freut man sich noch tagelang über diese anderthalb Stunden Pollesch-Pamphlet. Und hofft, dass Hartmann noch ein bisschen öfter seine Kontakte bemüht und uns Gastspiele wie diese herholt.

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Schnee und Liebesperlen

18. Februar 2009


Skala: »The Cocka Hola Company« und »Maschinenwinter«

 

Zwei Mal Skala am Wochenende. Zwei Mal überraschend überlegtes Theater, das man hier so gar nicht mehr erwartet hatte. Ziemlich coole Bilder bei »The Coka Hola Company«, dazwischen Szenen, die Weinen machten; denn in all dieser Coolness und Konsensbekämpfung und Porno-Party sind die einzelnen doch ziemlich einzeln. Mit »Maschinenwinter« dann eine schnelle, durchdachte Inszenierung mit ein paar sehr grandiosen Regieideen (die fünf Schauspieler rennen raus auf die Straße, verfolgt von einer Kamera, so dass man sie auf den Fernsehern auf der Bühne sehen kann, wie sie verwirrt im Schnee stehen, ja, im frisch geschneiten Schnee!).

 

Aber muss man nicht eigentlich wenigstens ganz, ganz klein hinschreiben, dass es sich in Wirklichkeit nicht um den Text »Maschinenwinter« handelt, sondern eigentlich um eine Bühnenversion von »Blade Runner«? Dass das die Inszenierung gerettet hat, ist unbestritten, Dietmar Daths kommunistisches Manifest allein hätte es nicht getan. So wurde das Ganze zumindest ein bisschen greifbar, jedenfalls für die, die »Blade Runner« kannten. Für die anderen war die Inszenierung ziemlich textschwer und manchmal ganz schön uneinsichtig, weil so wenig aktuelle Bezüge hergestellt wurden. Der Mensch als Wesen im Zahnwerk der Zivilisation – und wie brechen wir da aus? Was bleibt uns denn, außer zu klagen und trotzdem weiter zu machen? Und auch im Klagen selbst machen wir ja mit. Wenn wir auf die Straße rennen, in den frischen Schnee, rettet uns das nicht. Weil wir uns fragen müssen: Ist das jetzt wirklich?

 

Bei »The Cocka Hola Company« ärgerte bloß der inflationären Einsatz der immer selben Mittel. Diese Videokamera, horragott, man kann es doch nicht mehr sehen, und als Zuschauer andauernd selbst gefilmt zu werden ist irgendwie so toll auch nicht. Aber die Idee, eine Dusche aus Liebesperlen rieseln zu lassen, die war einfach super. Bei Inszenierungen von Mareike Mikat kann man auch immer so schön nach Sätzen fischen, hier war es: »Wir suchen alle das Glück, aber da ist immer eine Schranke«, der war zwar ein bisschen kitschig, aber passte trotzdem. Mikat kriegt das erstaunlich gut hin, auch sehr offensichtliche Melancholie so zu inszenieren, dass sie nicht peinlich wirkt.

 

Ach je, diese blöden Weibchen, die in jeder Skala-Inszenierung vorkommen, naja, an die gewöhnt man sich langsam schmerzvoll. Ob es einem Regisseur mal gelingen wird, eine Frau in Turnschuhen zu zeigen, ohne die gleich unsexy und trampelig zu inszenieren? Sneaker und laute Stimme kann auch sexy sein, echt mal, einfach ausprobieren.

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Wohlgesonnene Bitte

16. Februar 2009


Es ist sehr erfreulich, dass dieser Blog mit einigem Interesse verfolgt wird. Weniger erfreulich allerdings ist es, wenn komplette Einträge kopiert und in diversen Foren gepostet werden. Nicht, dass wir ungern bei nachtkritik.de etc. auftauchen, im Gegenteil, den Kollegen sind wir wohlgesonnen. Aber dann doch bitte mit einem eindeutigen Hinweis darauf, dass es sich um ein Zitat handelt - und einer eindeutigen Quellenangabe. Ansonsten kann man bei solchen Aktivitäten leider nur von einem lupenreinen Verstoß gegen das Urheberrecht sprechen.

Besten Dank!

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Die Reise geht weiter

13. Februar 2009

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Centraltheater: »Eines langen Tages Reise in die Nacht«

 

Der schönste Satz des Abends: »Ich trage dich durch den Vormittag«. Peter René Lüdicke sagt ihn, als er als Vater James Tyrone seine Frau, gespielt von Anita Vulesica, auf dem Arm hält und mit ihr langsam durch den Raum geht. Bis sie einschlummert und er sie sanft auf dem Sofa ablegt. Mein Gott, wie viel Zärtlichkeit kann in einem Moment liegen?

 

Und das in diesem Stück, Eugene O’Neills »Eines langen Tages Reise in die Nacht«, inszeniert von Sebastian Hartmann am Centraltheater. Er zeigt eine zerrüttete Familie, voller Brutalität und Schuldzuweisungen, jeder greift jeden an – verbal oder körperlich. Der Mann, der da seine Frau liebevoll auf dem Arm trägt, macht sie vorher lächerlich, verachtet sie in ihrer Drogensucht – dabei hängt er doch selbst an der Flasche. Die Söhne suchen nach Liebe, ob durch hyperaktives Gebrüll oder eben durchs Krankwerden. Jeder hat seine Methode, irgendwie Aufmerksamkeit zu bekommen, geliebt zu werden in diesem Albtraum.

 

Der zweitschönste Satz des Abends: »Man geht unterwegs mal verloren, aber die Reise geht weiter«. Das klingt ein bisschen kitschig, ist es auch. Aber das erlaubt sich diese Inszenierung nun mal, am Ende erklingt sogar Damien Rice, kitschiger geht’s nun wirklich nicht. Na und? Kann man doch auch mal gebrauchen! Und die Brutalität ist ja nun auch nicht gerade zimperlich inszeniert. Hartmann greift zu allen Mitteln, die um ihr Leben kämpfende Familie darzustellen, in all ihren emotionalen Abstufungen, ihren Farben und Klängen.

 

Man hat beim Applaus lange nicht so bedröppelt dreinschauende Schauspieler gesehen. Als hätten sie einen Freefight hinter sich. Irgendwann begreifen sie, dass ihnen der Jubel gilt – und schauen verwirrt, dann gerührt. Anita Vulesica kommen sogar die Tränen. Ein bewegter, verdienter Applaus. Der Abend wirkt noch lange nach.

 

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Schauspielhaus Hamburg: »Marat, was ist aus unserer Revolution geworden?«

 

Die Hamburger sind schon ein komisches Volk. Sie nennen Zimtschnecken »Franzbrötchen« und trinken unerträgliches Astrabier. Sie sagen »Feudel« statt »Wischmopp« und fahren am Wochenende nach Sylt, um dort für sechs Euro Kurtaxe am Strand entlangzulaufen, wo ihnen Sturm und Regen ins Gesicht peitschen. Und sie gehen ins Theater, kaufen Karten im Parkett für viel Geld, trinken 4-Euro-Sekt zur Einstimmung und applaudieren dann begeistert, wenn auf der Bühne die Enteignung der Wohlhabenden und die Zerschlagung des Kapitalismus gefordert werden.

 

Im Hamburger Schauspielhaus hat die Inszenierung »Marat, was ist aus unserer Revolution geworden?« von Volker Lösch im Herbst für ein bisschen Aufregung gesorgt. Lösch arbeitet immer mit Laien-Darstellern, diesmal sind es Hartz-IV-Empfänger. Am Ende der Inszenierung lesen diese Arbeitslosen die Namen und Adressen der superreichen Hamburger vor. Eigentlich müsste daraus kein Skandal werden, wenn nicht einige der Millionäre vor der Premiere per einstweiliger Verfügung das Verlesen ihrer Namen untersagt hätten. Die Kultursenatorin von Hamburg hatte sogar damals den Intendanten des Theaters darum gebeten, die Inszenierung an der Stelle abzuschwächen, was nun wirklich nicht die feine norddeutsche Art ist (aber in Hamburg gibt es zwei erfolgreiche Theater nur, weil die Reichen schön ihr Mäzenatentum pflegen, man sollte es sich als Kultur also nicht zu sehr verderben mit den Geldgebern). Und auf einmal redete niemand mehr über das Stück, nur noch über Millionäre und vermeintliches Anprangern im Theater.

 

Klar, dass also im gut besuchten Saal des Schauspielhauses der ein oder andere nur auf das Ende wartete. Einmal den Grund für einen Skandal mit eigenen Augen schauen und nicht nur in der Zeitung lesen! Wenn man das dann noch in einem vergoldeten Saal erleben darf: hanseatisches Herz, was willst du mehr?

 

Die Arbeitslosen werden zumeist als einheitliche Masse dargestellt, als Gruppe von passiven, beweglichen Elementen, an denen sich die verschiedenen Revolutionsführer, Trainer mit Trillerpfeife oder dickbäuchige Kapitalisten abarbeiten. Wie die Laien berichten von ihrem Leben im permanenten Kampf mit dem Geld, das ist zum großen Teil sehr beeindruckend, berührend und beschämend. Denn wie privilegiert sitzt man doch auf seinem bequemen Theatersessel!

 

Und gerade darum ist es wirklich erstaunlich, dass es zugeht wie in einer Talkshow. Dass nach den zornigen Pamphleten gegen die Reichen, gegen den Staat, gegen die Gesellschaft Szenenapplaus folgt, wie wenn Gregor Gysi bei Anne Will auf die Banken schimpft. Szenenapplaus! Wann hat man das letzte Mal Szenenapplaus in einem Schauspielhaus gehört? War das nicht etwas, was die Gesamtkomposition zerstörte und man sich darum beschämt wegdrehte? Hier nun also: Theatergänger, von denen die meisten vermutlich das Ticket nicht vergünstigt bekommen haben, applaudieren nach einem wütend gerufenen »Ich bin arbeitslos, weil ich Kapitalismus scheiße finde!« Das ist doch mal was.

 

Nach der Vorstellung war es übrigens schwer, vor dem Schauspielhaus ein Taxi zu bekommen.

 

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Oper Leipzig: »Don Giovanni«

 

Zuerst hörte es sich an wie munteres Schreiben, ein Schrappen und Rascheln, man vermutete einen Kritikerkollegen. Doch es wollte kein Ende nehmen, und man wendete kurz den Kopf nach hinten – und entlarvte die Ursache des rhythmischen Geräusches. Es war eine junge Frau, die sich beständig, unbeirrbar, ihren Oberschenkel kratzte. Nun ist es weder August noch befinden wir uns in einem Land, in dem Moskitoschwärme die Schlafzimmer bevölkern – ein Insektenstich konnte es wohl kaum sein. Assoziationen an ansteckende Hautkrankheiten wurden wach, die Fantasie schlug Purzelbäume um entzündete Pocken und offene Flechten…!

 

Wir wollen keinem Menschen versagen, seinem Juckreiz Abhilfe zu verschaffen. So schrieb schon Thomas More in »Utopia«, dass Kratzen zu den erlaubten Vergnügungen gehört. Nur: In der Oper, zumal in der Premiere der Oper der Opern, Mozarts »Don Giovanni«, kommt es einer schlimmen Entgleisung nahe, ungeniert den Schenkel zu bearbeiten. Was die Dame dann auch irgendwann an den strafenden Blicken spürte – und beschämt das Kratzen einstellte.

 

Aber es ist ja nicht so, dass Kratzen die einzige naturgetriebene Äußerung in einem Opernsaal ist. Diverse andere menschliche Leiden greifen um sich. Die Äußerungen von Erkältungskrankheiten, die durch den Zuschauerraum beben, (dass eine Influenza bundesweit grassiert, blenden wir noch erfolgreich aus, auch wenn es schwer fällt). Man möchte den Betroffenen zurufen: Bleibt zuhause, wenn ihr nicht im Besitz eurer Körperbeherrschung seid! Husten, Niesen, Keuchen, Räuspern und Zähnesäubern, das ist ein Verbrechen an dieser artifiziellsten der abendländischen Künste! Selbst ein unterdrückter Nieser lässt schamhaft zusammenzucken ob der Verletzung der Erhabenheit dieses Meisterwerks. Das lautstarke, schmatzende Geräusch, um den Rest des Schinkenhäppchens aus den Dritten zu befördern, ist Raubbau an Mozarts Meisterwerk. Ein wenig Contenance, meine Damen und Herren, wird doch so schwer nicht sein!

 

Aber nun ja, auch auf der Bühne selbst bricht sich das Allzumenschliche seine Bahnen, es ist nicht totzukriegen an diesem Abend. Auch der verehrte Mozart konnte nicht bei der poetischen Allegorie bleiben – und so driftet diese Oper im zweiten Akt in ein burleskes Zotengeschiebe, in dem man merkt, dass mit bloßer Erhabenheit eben auch kein Blumentopf zu gewinnen ist, erst recht nicht im 18. Jahrhundert, wo man zwischen all den Reifrockschichten und Stapelperücken wenigstens ein bisschen Spaß haben wollte. Sie fallen übereinander her, schlüpfen in Masken und machen einen ziemlichen Hallodri.

 

Und es bleibt nicht aus, dass man sich ein wenig veralbert vorkommt, hatte man sich doch auf einen Abend voller edler Gefühle, würdevoller Allegorien und edelmütiger Botschaften eingestellt. Stattdessen kratzt, hustet, niest, kopuliert, frisst und säuft es, so weit das Auge reicht. Gibt es denn keinen Ort in dieser verderblichen Welt, an dem man davor sicher ist? Pfui, pfui, nochmal pfui!

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