Die Illusion des Blümchenkleids
29. März 2009
Oper Leipzig: »La Rondine«
Es gibt wohl kaum etwas Impertinenteres als das Leipziger Opernpublikum. Wenn eine winzigkleine Kleinigkeit in der Inszenierung nicht mit dem (sehr eigenwilligen, oft sehr überholten) Bild einer Oper übereinstimmt, kennt das Volk keine Hemmungen: Es wird geschnauft, gepöbelt, wild in die Musik hinein gerufen, in (beabsichtigt!) stillen Momenten der Inszenierung trotzig geklatscht. Diesmal war es vor Beginn des ersten Tons, als sich der Regisseur eine eigentlich schöne Sache überlegt hatte: Der Chor steht, den Rücken zum Publikum gewendet, still auf der Bühne, eingefrorene Bewegungen. Eine Masse auf dem Weg in ein ungewisses Dunkel, und ungeachtet der inszenatorischen Idee war das einfach ein sehr schöner, ruhiger Moment, bevor Puccinis Melancholie-Stürme losbrausten. Für das Premierenpublikum aber eine scheinbar unerträgliche Situation.
Liebe Leute, kauft euch doch meinetwegen einen Boxsack, geht zum Therapeuten oder führt ein klärendes Gespräch mit eurem Gatten, dann wären die Aggressionen am Samstagabend vielleicht nicht so groß! Hier stehen Künstler auf der Bühne – da sind ein bisschen Geduld und Selbstbeherrschung ja wohl nicht zu viel verlangt!
Am Abend vor der Umstellung zur Sommerzeit befand sich in dieser Inszenierung übrigens alles in rotem Dämmerlicht, die Tragödie spielte sich im Pariser Fetisch-Milieu ab, mit viel Chiffon und rotem Lack (mit ein bisschen zu viel pseudo-anrüchigem Habitus). Innerhalb dieser Szenerie sehnte sich die Femme Fatale Magda so sehr nach einem normalen Leben als gutbürgerliche, brave Frau, dass sie in ein Blümchenkleid schlüpfte und sich die Welt erschuf, die sie für die wahre hielt – erst hier findet sie die wahre Liebe. Kommt uns doch irgendwoher bekannt vor, in Blümchenkleider schlüpfen und sich die wahre Liebe konstruieren.
Blöd nur, dass das am Ende nicht so richtig klappen will, denn wer so tut, als wäre er jemand anderes, der erleidet irgendwann den Total-Kollaps. »Weil das nicht ihr Leben ist: Ein kleines Glück und die Aussicht auf ein bürgerliches Heim«. Wenn die Illusion, die man für das Leben hält, zerbricht, dann bleibt nur der demütige Rückzug in die Vergangenheit. Am gestrigen Abend geht Magda voller Schuld zurück. Wir hätten ihr ein erhobenes Haupt gewünscht – weil sie begreift, dass die die Illusion allein nicht das Heil bringt.
Die Glorie des Unvereinbaren
28. März 2009
Centraltheater: Konzert Soap&Skin
Eins muss vorweg gesagt werden: Die übliche Technik eines Kritikers, durch Beobachtung, Vergleich und Schubladenschieben zu einem endgültigen Urteil zu gelangen, ist gestern Abend vollkommen misslungen. Die Künstlerin Soap&Skin schaffte es im Viertelstundentakt, jede gerade gewonnene Meinung völlig zu zertrümmern. Am Ende steht einzig die Erkenntnis, dass die Wahrheit sich tatsächlich aus so vielem zusammensetzt, das klingt banal, aber selten bekommt man es so glasklar vorgeführt wie an diesem Abend.
Ich hatte am Abend vorher Elias Canetti gelesen: »… daß man Sovieles und Gegensätzliches in sich fassen kann, daß alles scheinbar Unvereinbare zugleich seine Gültigkeit hat, daß man es fühlen kann, ohne vor Angst darüber zu vergehen, daß man es nennen und bedenken soll, die wahre Glorie der menschlichen Natur […]« - genau dieses Wunder ist es, das einen bei einer Begegnung mit Soap&Skin überrollt.
Am Anfang war das Vorhaben, in diesem Blog einen Text über die Selbstinszenierung eines kleinen, traurigen Mädchens zu schreiben. Über eine Achtzehnjährige, die es schafft, sich zu einem Kunstwerk zu stilisieren. Fing auch alles ganz viel versprechend an: Ein glänzender, schwarzer Flügel auf der Bühne des Centraltheaters, obendrauf ein Laptop, davor zwei Sträuße weiße Lilien, drumherum viel Nebel, und ich dachte mit einem Anflug von Überheblichkeit an die eigene Jugend und dass sich diese romantische Melancholie schon von selbst austreiben würde.
Der erste Abschied von einem vorschnell gefassten Urteil kam, als Anja Plaschg, also Soap&Skin die Bühne betrat und sich, ohne einen Blick ins Publikum zu werfen, an den Flügel setzte und zu spielen begann. Denn das war alles andere als inszeniert, ganz schlicht und ergreifend eine Musikerin, die ihre Kunst macht. Wenig ergreifend, zudem (was aber vor allem an dem unentwegten Klicken der Kameras lag, eine wahre Fotografenschar, die sich glücklicherweise nach dem dritten Lied verabschieden musste).
Nach den ersten, sehr zaghaft gespielten Songs dachte ich, vielleicht ist sie wirklich einfach nur authentisch, und ich begann diese Frau ins Herz zu schließen. Ich hatte vorher schon gehört, dass Soap&Skin extrem öffentlichkeitsscheu sein sollte, doch das hatte ich geflissentlich bezweifelt, immerhin gibt es großartige Fotografien von ihr, von ihr selbst produzierte Videos im Netz, all das. Aber wie sie nach jedem Lied mit den dünnen Beinen unter dem Flügel hin und her rutschte und sich auf ihre Lippen biss, den ganzen Körper unter Anspannung, bis der Applaus einsetzte, das kann man doch unmöglich spielen. Ein trauriges und wirklich begabtes Mädchen, das in der Tat sehr unsicher ist, und das noch sehr viel Schutz in ihrem Leben brauchen wird, das war also die nächste Erkenntnis über sie.
Dann aber, nach zwanzig Minuten vielleicht (oder es waren mehr, irgendwie schien de Zeit verrückt zu spielen), marschierte sie plötzlich steif von der Bühne – Black. Im Dunkeln konnte man dann eine Figur erahnen, die an den Rand der Bühne trat, kurz hinunter stieg. Zu dröhnendem Industrial-Sound stand sie gleich darauf im roten Licht auf der Bühne, sagte unverständliche Worte, griff sich verwirrt an den Kopf, wandte sich ab – und setzte sich wieder an den Flügel. Noch ein zweites Mal sprang sie aus ihrer Rolle heraus, trat an die Rampe und sang dröhnend zum Computersound, ihre Hände verbogen sich skurril, sie brüllte im Dämmerlicht. Erschüttert von dieser Wucht hatte ich fast ein bisschen Angst vor ihr, und ich dachte: Dieses Kind kann sich schon ganz gut selbst beschützen.
Dann aber wieder der Zusammenbruch dieses Bildes, als sie das erste, das einzige Mal sprach: »Danke, dass ihr alle gekommen seid«, mit einem scheuen Blick ins Publikum, und man konnte ihr förmlich ansehen, welch körperliche Anstrengung diese Ansprache von ihr erforderte. Als dann eine beträchtliche Zahl der Zuschauer aus unerfindlichen Gründen als Antwort zu kichern begann, blickt sie erschrocken zur Seite, wartete kurz – und fragte dann: »Was ist so lustig?«, woraufhin der Saal schwieg. Mein Gott, wie kann man ihr das antun, fragte ich mich, und wieder der Impuls, diesem auf einmal doch wieder sehr schwachen Wesen zu helfen, zu schützen vor den Grausamkeiten dieser Welt.
Am Ende, mitten im nicht enden wollenden Applaus, verteilte sie die Lilien an das Publikum. Dieser Moment fasst all das, was an Verwirrung im Laufe des Abends zusammen gekommen war, perfekt zusammen: Vielleicht ist sie in der Tat noch sehr jung, sehr naiv und sehr unsicher. Gleichzeitig scheint sie sich bewusst über die Wirkung dessen zu sein, die sie sehr intuitiv und gleichzeitig mit beeindruckender Technik inszeniert. Und vielleicht benötigt sie gerade diese Inszenierung, um sich in ihrer gnadenlosen Selbstentblößung zu schützen – einer Selbstentblößung, die offenbar Teil ihrer Authentizität ist.
Und vielleicht ist es genau das, was eine Künstlerin ausmacht: Dass all das zusammen, um noch einmal auf Canetti zu kommen, die eigentliche Wahrheit und Glorie ausmacht, all die Widersprüche und das Unvereinbare. Am Ende steht die Hoffnung, dass die Zertrümmerung jeglicher Erwartung immer wieder der Gier der Öffentlichkeit auf ein in sich konsistentes Kunstprodukt zunichte machen wird.
Wenn die Dekadenz alles nieder walzt
26. März 2009
Cammerspiele / naTo: »Träumer«
Der naivste und gleichzeitig weiseste Satz des Abends war: »Wenn sich amour nicht auf toujours reimen würde, wären wir nie darauf gekommen, Liebe und Ewigkeit gleichzusetzen.« Gerade weil dieser Satz so fatalistisch und kindisch mit dem Ewigkeitsversprechen aufräumt, kann man ihm eigentlich nichts erwidern – außer einem müden Lächeln.
Er wird gesagt von Sabrina Weidner, die Isabelle spielt, in dieser Inszenierung über die wohl letzte romantische Enklave im Chaos der Revolution. Es ist die erste Produktion nach der wundersamen Wiedergeburt der Cammerspiele, die man fast schon abgeschrieben hatte: Anfang des Jahres waren ihnen die Fördermittel so drastisch gekürzt worden, dass sie beschlossen hatten, ihren Spielplan auszusetzen. Irgendwie, und das kann man wirklich nur wundersam nennen, wurden ihnen vom FA Kultur nun doch 30.000 Euro bewilligt, so dass es weiter gehen kann – und das mit vielleicht mehr Power als je zuvor. Die Premiere war jedenfalls voll, und das sogar in der Cinematheque, die ja locker drei Mal so viele Plätze hat wie die eigene Bühne.
Elisa Jentsch inszenierte also »Träumer«, nach dem Roman von Gilbert Adair, der 2003 von Bernardo Bertolucci verfilmt wurde. Auf der Bühne lauter bloße Matratzen, mit vielen bunten Plastikbällen und Liebesperlen und drei Schauspielern, die sich so ungefähr die Seele aus dem Leib spielen. Leider hatte ich damals den Film gesehen, war sehr berührt davon, und ich habe seine Bilder, seine Romantik und seinen Fatalismus nicht aus dem Kopf bekommen – und andauernd danach gesucht in dieser Inszenierung. Die mädchenhafte Erotik, die Isabelle überhaupt die Macht über die beiden Jungen um sie herum gibt, die fand sich nur schwerlich an diesem Abend. Dazu kam, dass zu oft französische Wörter eingeflochten wurden, ein »Merci« oder »Mon amour!« mitten im deutschen, das ist einfach ein bisschen albern.
Ansonsten aber gab es viele kleine und sehr kluge Regie-Einfälle und einen sehr drastischen Umgang mit dem inzestuösen Verhältnis der Zwillinge Isabelle und Theo, die sich in ihrer Liebe zueinander so hochschrauben, dass es am Ende nur in der Katastrophe enden kann. Dazwischen der bartlose, amerikanische Matthew, der wenigstens ab und zu daran denkt, dass da draußen, im Jahr 1968 in Paris, »etwas Großes« passiert, während sie in der Wohnung sitzen und mit ihrer Dekadenz jeden Antrieb nieder walzen.
Von besonderem Zauber sind die stillen Szenen. Jene Szenen, in denen sie erschöpft sind von ihren Kämpfen mit- und umeinander, die hysterisch verzerrten Gesichter erschlaffen und die Musik wie ein Soundtrack durch den Saal tönt. Überhaupt: Kein Ort wäre besser geeignet gewesen als die Cinematheque der naTo, beginnt doch alles mit dem Kampf um ein geschlossenes Kino in den Revolutionswirren. Als der Beifall einsetzt, fühle ich mich selbst fast erweckt, aus einer traumartigen Blase, in die ich mich für eine Weile geflüchtet hatte.
Tosender Applaus. Was für ein Auftakt!
Zuhause? Hier???
26. März 2009
Werkstatt im Lofft: »Zuhause in Leipzig mi amor«
Das scheint ein beliebtes Leipziger Thema zu sein: Hier ankommen, zuhause sein, Heimat finden. Im November hat sich »Leipzig für Anfänger« damit beschäftigt (das war das mit den Schauspielern in den lustigen Tierkostümen), und jetzt »Zuhause in Leipzig mi amor«: Eine Performance mit Menschen, die der Liebe wegen aus dem Ausland nach Leipzig gekommen sind (dass es auch mal wieder eine Produktion mit Laienschauspielern war, lassen wir mal außen vor, haben wir uns zuletzt genug drüber echauffiert).
Ja, zuhause in Leipzig – geht das? Wollen wir das überhaupt?
Während die Performance sich mit der Frage auseinander setzt, ob man durch Liebe oder durch Arbeit oder wodurch auch immer irgendwo ein Zuhause findet, und ob man dadurch die eigentliche Heimat aus den Augen verliert, gerät man ins Sinnieren: Über das siebte Jahr in dieser Stadt, über die selten gewordenen Heimatbesuche, über das wohlige Gefühl, wenn man in Leipzig einrollt. Und vielleicht lässt sich »Zuhause« nicht definieren, sondern entsteht durch ein Zusammenspiel von all diesen Dingen, über die sich die Darsteller in »Zuhause in Leipzig mi amor« streiten: Alltagsroutine, Liebe, Menschen, Arbeit – und auch Sprache.
Bis auf die Sprache ist doch alles da (denn auch wenn ich mich an den Dialekt gewöhnt habe, ihren Humor werde ich nie, nie, nie! verstehen – und sie meinen auch nicht), und ist es nicht fürchterlich beruhigend, Zuhause und Heimat nicht an einem Ort zu finden? Weil man dann überall, wo man ist, den anderen Ort verklären kann. Weil man immer etwas zu schimpfen hat über den Ort, an dem man gerade ist. Und vor allem: Weil man einen Grund hat, sich woanders hin zu sehnen.
Bildband auf der Theaterbühne
21. März 2009
Centraltheater: »Braune Kohle«
Also, ich will ja wirklich nicht biestig wirken, aber was da am Donnerstagabend im Centraltheater passierte, das war ehrlich nicht schön. Sechzehn Laien aus der Braunkohle, einige richtige Kerle also, und ein paar ordentliche Damen. Vom Leben gezeichnet, so richtig real life also. Dazu sechs Schauspieler, die in den Erinnerungen dieser »wahrhaftigen« Menschen buddelten, Geschichte zutage förderten, die man sich vielleicht mal in einem Sammelband »Mein Leben unter Tage – Braunkohle in Sachsen« angucken würde, mit vielen Bildern. Wahrscheinlich aber nicht mal das. Ein nostalgischer Bildband auf der Theaterbühne, ach nee, das muss nicht sein. Da hatte Regisseur Dirk Cieslak vielleicht ein bisschen zu wenig vor - einfach nur erzählen, das reicht manchmal, aber nicht immer.
Die Laien haben sicherlich eine für sie wichtige Auseinandersetzung mit ihrer Geschichte erlebt, die Zuschauer mit Braunkohlebezug freuten sich, und die Schauspieler haben bestimmt viel gelernt. Für einen Theaterabend aber ist das alles zu wenig. Zu wenig Reibung, zu wenig Schmerz, zu wenig Thema. Auch wenn Emma Rönnebeck wirklich großartig ist, man wollte sie am liebsten an der Hand nehmen und sagen: »Liebe, lass das doch hier, du kannst viel mehr!«
Ausführliche Rezension zur Inszenierung gibt es auf nachtkritik.de.
Die Ambivalenz des Vorübergehens
14. März 2009
Theater der Jungen Welt: »Bis in die Wüste« / Frühlingsverwirrungen
Heute: ein wirklicher Frühlingstag. Radfahren ohne Handschuhe. Kinder wetzen sich ihre Hosen auf den Rutschen kaputt. Studenten lungern auf Parkbänken. Das Rentnerpaar schaut sich verzückt in die Augen im Angesicht eines weiteren, gemeinsamen Jahres.
Und der Wetterbericht spricht von »vorübergehend mild«. Kaum ein Wort, dem man mit so ambivalenten Gefühlen begegnen würde: vorübergehend! Vorübergehend mild: Eine Drohung. Achtung, bald fängt es wieder an zu schütten, und dazu Temperaturen, die wir uns für den Januar gewünscht hätten, aber sicher nicht für März. Vorübergehend, selten war ein Wort so grausam.
Dann wiederum: Letztens im Theater der Jungen Welt, »Bis in die Wüste«, ein unsagbar ehrliches und drastisches Stück über Jugendliche, die vor lauter Langeweile und Frustration nicht wissen, was außer Gewalttäter werden sollen. Dazu ein Publikum im Alter zwischen 15 und 16, und man wollte jeden einzelnen an die Hand nehmen und mit warmer Stimme sagen: »Mach dir keine Sorge. Es geht vorüber. Dein Hass auf die Welt, deine Scham, deine Dummheit«. Und man atmete einmal tief durch in tiefster Demut und Dankbarkeit, dass die eigene Adoleszenz zumindest in größten Teilen vorbei ist.
Und dann das grausame, das nüchterne Wissen, dass Dinge vorüber gehen: Das Frühlingswetter. Die Haarfarbe. Das Flattern im Bauch.
Warum Bahnhofskaffee trotzdem schmeckt
4. März 2009
Kellertheater: »Rituale. Eine Tanzoper für Georg Friedrich Händel«
Lieblingsritual am Morgen: Kaffee aufsetzen. Computer starten. Währenddessen die Zeitung aus dem Briefkasten holen. Inzwischen ist der Kaffee fertig und die ersten Mails aufgelaufen. Noch schlafverknüllt an den Schreibtisch setzen und erst mal abschätzen, wie viel Arbeit über Nacht aufgelaufen ist. Danach, Zeitung lesend, frühstücken.
Lieblingsritual beim Zurückfahren von Hamburg nach Leipzig: Erst die Fahrkarte kaufen, dann zum Bäcker und ein Franzbrötchen kaufen (eins der vielen Dinge, die in Leipzig unersetzbar fehlen). Fünf Minuten vor Abfahrt den Kaffee holen, damit der gerade noch heiß genug ist, wenn ich mir einen Platz im Zug gesucht habe. Hinauszuckeln aus der Stadt, mit Blick auf die Alster.
Und so weiter. Was wären wir ohne Rituale? Die unseren Alltag strukturieren oder uns Sicherheit geben, wenn im Kopf Chaos oder im Leben ein Sturm tobt.
Heike Hennig hat aus dem Thema eine »Tanzoper« gemacht, hat um Georg Friedrich Händels Kompositionen Choreografien gestrickt und sie in eine Klangcollage eingebunden. Obwohl manchmal ein wenig zerfasert, wird der Abend doch getragen von der hinreißenden Barockmusik, vor allem aber von dem unglaublichen Gesang Gesine Nowakowskis. Was für rote Haare, was für eine Bühnenpräsenz!
Faszinierend auch die Strecken, wenn die Choreografie Rituale wie Beten oder eine Prozession so oft wiederholt, dass sie sich irgendwann von ihrem eigentlichen Ursprung entfremden. Denn das ist es doch, was so oft mit unseren Ritualen passiert: Wir wissen kaum noch, wozu wir sie eigentlich haben – einzig, dass es sie gibt, beruhigt uns.
Bahnhofskaffee zum Beispiel ist eigentlich unerträglich. Würde ich darum auf die Idee kommen, ihn nicht mehr zu kaufen? Nie im Leben!