Überraschungsparty in Budapest
27. Mai 2009
Szürpreisz-Party
Theater in einer Sprache zu sehen, in der man ungefähr drei Wörter und vier Vorsilben-Möglichkeiten kennt (mein Lieblingswort ist übrigens »egal«, das klingt so wie »mintedj« und ist vielfach einsetzbar), ist ja schon mal ein Abenteuer. Darum war es ein bisschen aufregend, in Ungarn ins Theater gehen zu wollen, und als das Stück dann auch noch »Szürpreiszparti« (so wurde es geschrieben, glaube ich, und wer in Ruhe liest, erkennt, dass hinter diesem niedlichen Wort der englische Begriff »Surprise-Party« steckt) und in einer »geheimen Wohnung« stattfinden sollte, bereitete ich mich auf die größten Aufregungen vor.
Treffpunkt ist eine U-Bahn-Station, von der aus wir in einem kleinen Grüppchen ein paar Minuten laufen, ein Haus betreten und dort schließlich im vierten Stock eine Wohnung betreten. In einem großen Zimmer sitzen schon einige Zuschauer, zwischen ihnen wuseln Männer und Frauen umher, die offenbar die Schauspieler sind; sie beginnen an einem großen, in der Mitte stehenden Tisch, mit den Zähnen Sonnenblumenkerne zu knacken, während sich immer mehr Leute in dem Raum einfinden und sich auf den herumstehenden Möbeln oder auf dem Boden verteilen.
Welche Handlung sich anschließend vollzieht, kann ich nicht genau sagen – ich verstehe schließlich kein Wort (nur einmal höre ich »mintedj«, dann aber umso triumphierender). Es geht eindeutig um eine Beziehungskiste zwischen einem jungen Mann und einer jungen, sehr schönen Frau. Weil mir die Worte nichts sagen, bin ich ganz auf ihre Körpersprache angewiesen, auf die Härte und Intensität ihrer Stimme und die Veränderungen in ihren Gesichtern.
Und weil das Zimmer die Bühne ist, weil die Schauspieler sich in dem engen Raum zwischen den Zuschauern umher bewegen, ist alles sehr dicht und sehr nah. Eine ziemliche Leistung, denke ich, bei dieser Nähe zum Publikum eine solche Intensität zu halten.
Irgendwann langweile ich mich ein bisschen, weil es eben vor allem um diese Krise zwischen den beiden geht, später auch um eine dritte Frau, die irgendwie auch damit zu tun hat – und dann ist es ohne Sprache doch ein bisschen eintönig. Und ich unterstelle dem ungarischen Theater gleich mal Unkreativität. Und werde gleich darauf eines Besseren belehrt: Denn nach etwa vierzig Minuten wird das private Kammerspiel aufgebrochen. Da kommt es zum Judo-Kampf zwischen den beiden Rivalinnen, da singt ein Supermarkt-Mann mit roter Schirmmütze seinen Werbejungle, da kommt ein langer, dünner Mann und fordert die Zuschauer auf, etwas zur Überraschungsparty beizusteuern. Die Brüche in dieser zunächst naturalistisch anmutenden Inszenierung tun gut, sie sind unterhaltend und erweitern die Geschichte, die anfangs sehr wie »Jugendkultur-Nabelschau« gewirkt hatte.
Einer Dramaturgie zu folgen, ist zwar mit zunehmender Dauer schwierig, aber auch ohne Sprache bin ich zeitweise sehr belustigt, berührt, erschrocken. Dass die Darsteller aus ihren Rollen herausfallen und plötzlich neben einem stehen, und sie sehen ja gar nicht so anders aus als die Zuschauer, denke ich, dass ihre Handys manchmal zwischen uns klingeln und sie neben uns auf dem Sofa sitzen, das macht ihre Geschichte ein bisschen zu meiner.
Es wird stickiger, dann beginnen die Darsteller auch noch zu rauchen, so langsam wird es eine kleine Zumutung, mit so vielen Menschen in diesem Raum. Eine Distanz ist nicht möglich, weil es keinen Unterschied zwischen Bühne und Zuschauerraum gibt – und ich denke, diese Intensität, diese Nähe halte ich nicht mehr lange aus. Dass Theater sich in der Regel in einem vom Zuschauer getrennten Bereich befindet, das hat vielleicht auch etwas zu tun damit, dass man dem Geschehen gar nicht so nah sein möchte. Dass man es als etwas Getrenntes betrachten will, um es sich nicht zu eigen zu machen – weil das gar nicht immer möglich ist. Hier bin ich Teil der Katastrophe, und das ist bisweilen ganz schön anstrengend.
Dann auf einmal ist das Ganze vorbei – ohne Applaus, was uns sehr verwundert. Als sei die Party zu Ende, stehen alle auf und verlassen langsam die Wohnung, unter ihnen die Schauspieler. Wir sind noch ein wenig benommen, von dem Sauerstoffmangel, von diesen anderthalb Stunden Nicht-Entkommen-Können ind müssen erst mal eine Trauben-Limonade trinken. Die heißt übrigens »Traubi«, was von nun an mein neues ungarisches Lieblingswort ist.
Licht-Gestalten
23. Mai 2009
Skala: »Neue Texte von PeterLicht. Von der Unmöglichkeit eine neue Matratze zu kaufen ohne das Universum anzuhalten«
Wie so oft: Am Anfang steht eine Entscheidung. Will man aktiver oder passiver Zuschauer sein? Jede der Alternativen hat ihren Reiz. Was passiert? Wichtig, dass es passiert. »Neue Texte von PeterLicht«, der bereits vor Jahren ein zuversichtliches Lächeln aufsetzte – »Wir werden siegen« –, »Lieder vom Ende des Kapitalismus« anstimmte und die Krise lyrisch vorwegnahm. Ein überraschender Abend, von dem man nicht zuviel verraten darf. Daher sei hier bloß ein Zitat vom Centraltheater-Hausphilosophen Guillaume Paoli als Motto beigefügt:
»Protest in einer abstrakten Umwelt beschränkt sich meistens auf symbolische Handlungen. Einen Sinn für Alltagspraxis … könnten wir gut gebrauchen. Wie auch immer, inmitten der allgemeinen Verwirrung ist mindestens eines sicher: Wenn jemals eine Rettung kommen sollte, dann nicht von professionellen Opfern, sondern von dilettantischen Tätern.«Guillaume Paoli: »Für die Entökonomisierung des Alltags«
»Oh Baby, balla balla«
18. Mai 2009
Skala: »Idioten«
Wie spielen? – Neun SchauspielerInnen ringen darum, wie und ob sie das Manuskript »Idioten« aufführen können. Wie zwischen Fakt und Fiktion etwa Neues (er-)finden? Sie beginnen mit szenischen Studien, die sie abrupt sein lassen, nehmen neue Posen ein, nur, um sich erneut über diese zu zerstreiten. Wie in Lars von Triers Filmvorlage werden so allerhand Handlungen durchgespielt, die von den gesellschaftlichen Konventionen abweichen. Schließlich bestimmen sie alles Abweichende, Deviante als krank und verrückt. Da scheint es geradezu notwendig, auch auf der Bühne das reine Nacktsein zu übersteigen und für manchen vielleicht Obszönes zur Schau zu stellen. Wohl darum war die Vorstellung P18.
Seine angehende Wirkung jedenfalls kann das Stück entfalten. Die improvisierten Figuren, eine gesplittete Bühne mit vermeintlichem Probenraum vorn und einem Hinterzimmer zum Diskutieren – dieses wird mittels Kamera für das Publikum sichtbar – ermöglichen ein fragmentarisches Spiel mit und zwischen den Ebenen. Ein filmerischer Rundgang durch die Technikräume, der als Werksführung einer Gruppe Behinderter gegeben wird, setzte dem noch eins drauf.
Hier gelingt es einmal, dieses ewige Thema der neuen Intendanz anzupacken: die Frage nach den Grenzen und Möglichkeiten von Theater, dieses Ringen um Selbstvergewisserung, das sich bisher durch den Spielplan zog. In »Idioten« bleibt das peinlich-permanente Aus-der-Rolle-Fallen aus. Die SchauspielerInnen sind ja ohnehin die ganze Zeit als Schauspieler auf der Bühne, üben sich im spannenden Grenzgang zwischen Rolle und Eigentlichkeit, ohne dies überbetonen zu müssen, damit es jeder kapiert. So lediglich auf sich selbst geworfen, gelingen ihnen Momente intensiver Interaktionen, erzeugen ihre Rasereien Spannungen, die sich besonders in komischen Eruptionen entladen.
Der Einsatz einer Handkamera – gewiss, die hält nun ständig Einzug auf den Theaterbühnen – ist in dieser Inszenierung einmal wirklich sinnvoll zu nennen, da er ein Gebot des Dogma-95-Stils wiederholt. Und sich diese Inszenierung immer wieder am filmischen Material abarbeitet, ohne bloß Kopie zu sein. Und dass die SchauspielerInnen schließlich ein eigenes Schauspiel-Manifest in die Zuschauerreihen werfen, ist bei dieser Suche nach Form mehr als nur konsequent. Wie sich bei den Dogma-Streifen die Frage aufdrängt, wie real sie nun wirklich sind, so dreht sich in Martin Labrenz’ Inszenierung letztlich alles um den Status der theatralen Situation.
Kleine Katastrophen, große Hoffnungen
18. Mai 2009
Theater der Jungen Welt: »Kinder des Holocaust«
Ich weiß, ich weiß, ich habe mich sehr vehement gegen den Einsatz von Laiendarstellern ausgesprochen. Diese inflationäre Verwendung des vermeintlich Authentischen erscheint mir noch immer meistens völlig überflüssig – weil es etwas vorhandenes reproduziert, anstatt es kritisch zu rezipieren.
Nun aber das komplette Gegenteil, letzten Sonntag im Theater der Jungen Welt. Ein Stück, das vor allem aus Berichten von Kindern besteht – von Kindern, die den Holocaust überlebt haben – oder auch nicht.. Verstörende Berichte von Verlust und Tod, kaum zu ertragen, diese Zeugschaft. Und die Inszenierung tut das einzige, was man mit diesen Texten tun kann: Sie inszeniert sie null komma null. Die Texte werden einfach von vier Schauspielern gesprochen, fast ohne Intonation, kein Spiel lenkt von der Drastik ab. Wie kann dieses Grauen auch auf die Bühne gebracht werden? Ungreifbar, dies Tragödien dieser Menschen, deren Namen wir hören, die uns aber doch so fern sind, deren Leid eben nicht unseres.
Wie können diese Geschichten unsere abgestumpften Herzen dann doch erreichen? Dafür sind dann eben die Jugendlichen da. Alles Laiendarsteller, die sich monatelang mit der Thematik auseinandergesetzt und geprobt haben. Auch sie spielen nicht die Kinder, um deren Berichte es hier geht – sie spielen sich selbst. Ihre eigenen Geschichten, kleinen Katastrophen und großen Hoffnungen, ihre Ängste und Träume bringen sie in kleinen Szenen auf die Bühne. Mal als Computerspiel, mal als Monolog über das eigene Outing und die Schläge, die es danach vom Vater gab.
Mindestens genauso ehrlich wie die Berichte der Holocaus-Kinder sind diese Szenen, die Darsteller machen sich buchstäblich nackt und kehren ihr Innerstes nach außen. Und auf einmal erinnere ich mich wieder an meine eigene Kindheit und Jugend, an die Unsicherheiten und Panikattacken, an den großen Optimismus und den ebenso großen Nihilismus. Wie viel Raum dieses Alter braucht, wie viel Obhut und Aufmerksamkeit, das ist mir selten so eindringlich vermittelt worden. Diese Zeit ist so kostbar und so verletzlich, und auf einmal wird es einem gewahr: Den Kinder, deren Berichte da im Wechsel mit den Szenen vorgetragen werden, wurde jede Chance auf das Erleben dieser Adoleszenz-Jahre genommen – die damals so wichtig wie heute waren. Als es eigentlich um den ersten Kuss gehen sollte, waren sie mit dem Sterben konfrontiert. Als sie lernen sollten, auf eigenen Beinen zu stehen, mussten sie fliehen und verloren dabei manchmal alle Familienmitglieder.
Und das wird eben nicht eins-zu-eins dargestellt, sondern über den Umweg der jugendlichen Laien erreicht, über ihre Ehrlichkeit und ihre buchstäbliche Selbstentblößung. Diese Verletzlichkeit; lange hat mich nichts mehr so berührt.
Ein bisschen Schauspiel schadet nie
9. Mai 2009
Was wir gut finden: Popstars, die aus ihrer Show keinen Hehl machen. Die nie so tun, als seien sie »ganz normal«. Richtig auf die Kacke hauen, mit Lightshow und siebzehn Kostümen innerhalb von einer Stunde (Metallica, die gerade in Leipzig waren, machen das immer noch so, auch wenn sie hinter der Bühne wahrscheinlich schon ein Beatmungszelt brauchen), bloß keine Bescheidenheit – in diesen Zeiten erst recht nicht!
Und wenn Sänger (wie gestern beim Clickcklickdecker-Konzert in der Ilse) auch mal ein bisschen Trallala machen auf der Bühne, dann können wir das auch nur begrüßen. Gestikulieren, komische Grimassen machen, das hebt dann ein gutes Konzert noch mal in ne andere Liga. Ein klein bisschen Schauspiel hat noch nie geschadet - denn Langeweile haben wir im normalen Leben schon genug.