Alles schon gesehen?

28. November 2009

Cammerspiele: »Shoppen und Ficken«

Die hiesige Tageszeitung sagte tags drauf: Man kenne doch all diese Probleme schon. Dieses Verzweifeln an der Welt. Diese Selbstzerstörung. Das Nichtmehrweiterkönnen vor lauter Wünschen und Hoffen, diese Angst davor, sich der Realität stellen zu müssen.

Ist es denn möglich, dass es eine Kategorie ist: »Man kennt das alles schon«? Ist es nicht vielmehr so, dass Kunst immer und immer wieder das aufzeigen muss, was alle kennen? In immer anderen Schriften, in neuen Worten, in Bildern, die es so noch nicht gab?

Vielleicht können die Dinge nur greifbar werden, wenn sie in immer anderen Weisen aufgeschrieben werden.

Ich jedenfalls habe einmal wieder geweint im Theater. Das passiert ja nicht so häufig in diesen Zeiten, da man vor lauter Abgeklärtkeit und Zynismus nicht mal mehr ordentlich applaudieren mag. Und ich wünsche mir immer wieder immer mehr Theater, das mir die alten Fragen vorführt, bis ich es schaffe, sie mir selbst zu stellen – und sie nicht mehr trenne von meinem eigenen Bewusstsein, das immer wieder dazu neigt zu sagen: Alles schon gesehen.

Neben all diesen schweren Gedanken bete ich ein klein bisschen, dass Elisa Jentsch ganz bald auf ganz großen Bühnen inszeniert, damit sie noch mehr Platz hat für die Ideen, die aus ihr heraussprudeln.

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Fällt die Kirschbäume

19. November 2009

Centraltheater: Der Kirschgarten

Ich liebe Tschechow. Sehr sogar. Ich liebe diese melancholische Stimmung, diese Lethargie, dieses laute Lamentieren und diese Sehnsucht, die immer um sich selbst kreist.Bisher haben bei einer Tschechow-Inszenierung für mich viele dicke Teppiche und schwere Eichenmöbel auf die Bühne gehört, und obwohl ich naturalistisches Theater verabscheue, freute ich mich, wenn Irina sich an den Hals fasste und wehleidig rief: »Moskau, Moskau!«

Ich stehe dazu: Ich bin ein Fan von Peter Stein und diesem ganzen alten Tschechow-Gehabe. Bleibe ich auch. Trotzdem hat sich etwas geändert, seit ich Hartmanns Kirschgarten im CT gesehen habe.

Das war eine Zumutung für eine wie mich, die immer froh ist, wenn im Programmheft steht: 90 Minuten ohne Pause. Diesmal stand da 3 1/2 Stunden, 1 Pause, und noch dazu war das alles eine Zumutung. Viel Lärm, viel Geschieße, viel Absurdität. Absolute Textdekonstruktion, albernes Rumgehüpfe. Nervig, anstrengend, auch ich habe irgendwann angefangen, mich auf meinem Sessel hin und her zu winden.

Aber mal ehrlich: Nur so kann man heute Tschechow inszenieren. Denn ist es nicht absurd, dieses Hinausschieben des Endes, ist sie nicht vollkommen albern, diese Endzeitromantik? Mit Selbstmitleid kann man heutzutage niemanden mehr beeindrucken, aber das konnte man einst, zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als der Kirschgarten seine Uraufführung hatte, auch schon nicht. Darum steckt auch so viel Komik, so viel Absurdität in dem Stück - es ist nur konsequent, diese auch so zu inszenieren.

Diese Welt, in der ein bewaffneter Nahkampf nichts anderes ist als ein Spiel, ein ermüdendes Schaukämpfen, bleibt uns nichts anderes übrig, als die Kirschbäume zu fällen. Bis man nichts mehr wiedererkennt vom Garten - und dann vielleicht das sieht, worum es wirklich geht: Um die Erde, auf der dann neues wächst.

Ach so: Die einzige, die fehlte, ist Anita Vulesica. Neben Lawinky ist sie diejenige im Hartmann-Team, die in all der Gewalt und Klamaukerei die nötige Melancholie hinein bringt - und zwar nicht durch den Text, sondern durch ihre pure Anwesenheit.

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euro-scene-Eröffnung

Jetzt habe ich sie verstanden. Jahrelang war mir Ann-Elisabeth Wolff ein Rätsel - nun meine ich, sie begriffen zu haben.Denn diese Eröffnung gestern, »Point of Eclipse« des Cullberg Ballet in der Oper, war ein so berührendes und erschauerndes Tanzstück, wie es sich eigentlich gar nicht für eine Festivaleröffnung eignet. Dunkel, hell, Mond und Sonne, und dazwischen die um Luft ringenden Gestalten, oder sind es viel mehr: Amöben?

Obwohl der Tanz wenig unkonventionell (und leider manchmal auch extrem unsynchron) war, enstand da doch eine Choreografie, die einen seltsam berührte, ja traurig machte. Und in einem winzigen Moment wurde es mir klar, was es heißt, dass Ann-Elisabeth Wolff dieses Stück für die Eröffnung ihres Festivals ausgewählt hat. Ich meinte zu ahnen, was sie gefühlt haben muss.

Vielleicht ist sie ja einfach ein sehr melancholischer Mensch. Emotional sowieso, extrem weich und instinktiv. Aber eben auch sehr melancholisch, vielleicht ein bisschen traurig? Kommen daher auch die manchmal etwas »unprovokant« anmutenden Stücke, die sie einlädt? Die dann aber ganz viele Abgründe und Momente haben, in denen man versinken mag? Und das hat ja durchaus seine Berechtigung.

Wie sie sich bei der anschließenden Eröffnungsfeier von Burkhard Jung in den Arm nehmen ließ, sich förmlich an ihn kuschelte, als er ihre Leistung hervorhob, das war dann ja auch sehr rührend.Ich bin jedenfalls froh, dass mir dieses gelüftete Geheimnis den Einstieg in die 19. euro-scene etwas erleichtert. In diesem regennassen Herbst kann ein wenig Melancholie nicht schaden, mir jedenfalls nicht.

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