Vaterland ist abgebrannt
15. März 2010
Centraltheater: »Das Fest«
Hinterher kommen immer diese Vergleiche: Wie der Film war das aber nicht. Oder: Das war ja genauso wie der Film! Also bittesehr. Es ist eben ein Theaterstück und kein Film. Kaum zwei Medien unterscheiden sich so gravierend voneinander wie diese beiden, auch wenn es auf den ersten Blick nicht so scheint. In Wahrheit ist die einzige Gemeinsamkeit, dass Menschen Geschichten spielen. Das wars dann aber auch schon.
Wie der Dogma-Film war es nun wirklich nicht. Wie denn auch? Die Kamera, die stur gerade auf die unerträglichen Szenen draufhält. Das gewollt Authentische, die Verleugnung des Mediums Film. All das war damals Programm - heute sagt Vinterberg, der Regisseur des Films »Das Fest« selbst: »Dogma ist tot«. Und inszenierte prompt in Wien die Fortsetzung, in der die Geschändeten selber schädigen. Aber dazu mehr an anderer Stelle.
Am Donnerstagabend stand erst mal Christian vor dem Haus seiner Kindheit und betrachtete die Felder. Christian ist zurück in seinem „Vaterland“, wie er es nennt. Später werden wir wissen: Damit meint er nicht Dänemark, nicht das Land, in dem er aufgewachsen ist. Sondern das Haus seiner Kindheit, ein Haus voller Schmerzen.
»Helge ist ein sehr säuberlicher Mann«, so beginnt das Drama. Nein, eigentlich hat es schon Jahre zuvor begonnen, als der Vater seine Kinder missbrauchte, vergewaltigte, immer wieder. Die feine Geburtstagsgesellschaft will dieses Geständnis am liebsten ignorieren – „Skól!“ –, und feiert einfach weiter.
Anfangs stimmen die Pointen nicht so richtig, die Schauspieler wirken sehr gestellt. Doch dann verdichtet sich der Psychoterror auf der blumentapezierten Bühne immer mehr, bis es einem die Kehle zuschnürt. Und je mehr der Deckel hochblubbert, desto mehr besaufen sich die Gäste, stopfen smalltalkend Häppchen in sich hinein.
Das Stück wurde in den Spielplan gebracht, bevor die Debatte um die Missbrauchsfälle an katholischen (und anderen) Schule bekannt wurden. Kalkül ist diese Aktualität also nicht. Und eigentlich kann dieses Thema auch keine so genannte Aktualität haben – ist es denn nicht immer aktuell? Befördern nicht die Medien gerade eine Debatte zutage, die immerzu geführt werden müsste? Die viel zu wenig geführt wird, und auch das Theater scheut sie.
Ohne platte Bezüge herzustellen, schafft die Inszenierung aber genau das, was heutiges Theater tun muss. Sie reibt auf, strengt an, sorgt dafür, dass ein jeder Zuschauer sich fragen muss: Wovor verschließen wir unsere Augen, weil wir nicht wollen, dass die mühsam konstruierte Ordnung in unserem Leben Brüche erfährt?
Am Ende sitzt eine entzweite Familie beim Katerfrühstück. Vögel zwitschern im Morgenlicht. Vaterland ist abgebrannt.