Fällt die Kirschbäume
19. November 2009
Centraltheater: Der Kirschgarten
Ich liebe Tschechow. Sehr sogar. Ich liebe diese melancholische Stimmung, diese Lethargie, dieses laute Lamentieren und diese Sehnsucht, die immer um sich selbst kreist.Bisher haben bei einer Tschechow-Inszenierung für mich viele dicke Teppiche und schwere Eichenmöbel auf die Bühne gehört, und obwohl ich naturalistisches Theater verabscheue, freute ich mich, wenn Irina sich an den Hals fasste und wehleidig rief: »Moskau, Moskau!«
Ich stehe dazu: Ich bin ein Fan von Peter Stein und diesem ganzen alten Tschechow-Gehabe. Bleibe ich auch. Trotzdem hat sich etwas geändert, seit ich Hartmanns Kirschgarten im CT gesehen habe.
Das war eine Zumutung für eine wie mich, die immer froh ist, wenn im Programmheft steht: 90 Minuten ohne Pause. Diesmal stand da 3 1/2 Stunden, 1 Pause, und noch dazu war das alles eine Zumutung. Viel Lärm, viel Geschieße, viel Absurdität. Absolute Textdekonstruktion, albernes Rumgehüpfe. Nervig, anstrengend, auch ich habe irgendwann angefangen, mich auf meinem Sessel hin und her zu winden.
Aber mal ehrlich: Nur so kann man heute Tschechow inszenieren. Denn ist es nicht absurd, dieses Hinausschieben des Endes, ist sie nicht vollkommen albern, diese Endzeitromantik? Mit Selbstmitleid kann man heutzutage niemanden mehr beeindrucken, aber das konnte man einst, zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als der Kirschgarten seine Uraufführung hatte, auch schon nicht. Darum steckt auch so viel Komik, so viel Absurdität in dem Stück - es ist nur konsequent, diese auch so zu inszenieren.
Diese Welt, in der ein bewaffneter Nahkampf nichts anderes ist als ein Spiel, ein ermüdendes Schaukämpfen, bleibt uns nichts anderes übrig, als die Kirschbäume zu fällen. Bis man nichts mehr wiedererkennt vom Garten - und dann vielleicht das sieht, worum es wirklich geht: Um die Erde, auf der dann neues wächst.
Ach so: Die einzige, die fehlte, ist Anita Vulesica. Neben Lawinky ist sie diejenige im Hartmann-Team, die in all der Gewalt und Klamaukerei die nötige Melancholie hinein bringt - und zwar nicht durch den Text, sondern durch ihre pure Anwesenheit.
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