Sphinxengleiche Kriegerinnen
26. September 2009
Theater der Jungen Welt: Schwarze Jungfrauen
Dieses Jahr in der Türkei, der Besuch einer Moschee: Nach und nach tröpfeln die Gläubigen in den Raum, wie selbstverständlich ziehen sie ihre Schuhe aus, stecken sie in Plastetüten, suchen sich einen Platz. Stehen kurz, gen Osten gewandt, wie wartend. Dann beginnt das Ritual; mit den festen Handbewegungen, dem Niederknien, dem lautlosen Lippenbewegen. Zwischendurch pesen Kinder durch die Moschee, ihre bestrumpften Füße hinterlassen ein dumpfes Pollern im Raum, der ansonsten angefüllt ist mit leisen Wortfetzen. Ja, die Frauen beten anderswo, in einem für sie zugewiesenen Bereich. Aber auch ihre Andacht: Voller Friede.
Und dann gestern im Theater der Jungen Welt: Sechs Monologe junger Muslimas, geschrieben von Feridun Zaimoglu, ein viel diskutierter Text. Radikale Worte von sechs jungen Frauen, die in Deutschland leben und dieses Deutschland bekämpfen. Die Texte sind entstanden aus Interviews, die Zaimoglu mit den Frauen geführt hat, und ihre Authentizität ist bestechend. Und doch gibt es ein Problem an diesem Abend, und das liegt, man kann es nicht anders sagen, in der Inszenierung.
Sechs junge Regisseurinnen, zum Teil noch studierend, haben die Monologe mit je einer Schauspielerin inszeniert. Da sind zweifelsohne Talente dabei, und die Regieideen einige auch beeindruckend (die blonde Frau, die sich die arabischen Zeichen mit pechschwarzer Tinte auf die nackte Haut pinselt, sich selbst zur Botschaft macht, oder die zweifelnde, korpulente Muslima, die mit ihren eigenen, verwirrten Gedanken als Audioeinspielung konfrontiert wird). Eins ist ihnen jedoch bis auf eine Ausnahme eigen: Sie stecken so voller Aggressivität. Ist es das, was Jugendlichen vom Islam präsentiert werden soll, noch dazu in Lindenau, einem Stadtteil, das seit einiger Zeit mit der aufkommenden Überpräsenz rechter Gewalt zu kämpfen hat?
Sicher gibt es sie, die kampfbereiten Frauen, die, boxerinnengleich, auf der Suche sind nach Widerstand, um ihn mit purer Körpergewalt zu zerstören. Nichts Neues auch die türkischen Tussis mit ihren sphinxengleich geschminkten Augen unterm Kopftuch, die ohne mit der Wimper zu zucken Terroranschläge auf die westliche Welt preisen. Aber kann es ein differenziertes Bild entstehen lassen, wenn diese Frauen allesamt in einer Stimmung inszeniert werden, und dies nahezu bruchlos: Als protestbereite und radikale Kämpferinnen im Namen Gottes?
Da tut die Darstellung der konvertierten Deutschen am Ende gut, die ganz ruhig von der Faszination berichtet, die der Islam mit seinem Frieden ausübte und ihr schließlich eine Richtung geben vermochte. Die meisten der Monologe allerdings sind auch in ihrer Inszenierung gefüllt mit Hass, das Spiel, die Regie setzen dem Text nichts entgegen und verpassen damit die Chance, die Radikalität zu differenzieren. Es geht hier nicht um falsche Toleranz oder zu viel Political Correctness, es geht darum, auch “solche” Frauen von einer anderen Seite zu betrachten, um wenigstens eine Idee davon zu bekommen, was sie zu dem werden ließ, was sie sind. Das schaffen nur zwei von sechs Inszenierungen. Denen zuzuschauen allerdings ist eine umso größere Freude.
Theater statt Swingerclub
19. September 2009
Centraltheater: Germania Song
Zuallererst: Verzeihung, dass es hier so lange nichts zu lesen gab. Der Sommer ist zwar eine schöne Jahreszeit, aber theatermäßig leider nur bedingt zu empfehlen. Ich habs genossen, bin an der Ägäisküste entlang gedüst und habe ein paar Wochen an keine Bühne gedacht.
Und das erste Mal Theater hat mich dann auch gleich krank gemacht: »Germania Song« im Centraltheater, und einen Tag später liege ich mit ner fetten Grippe im Bett. Ok, der Gerechtigkeit halber muss ich sagen, dass es wahrscheinlich auch an den Viren lag, die um mich herumschwirrten, aber sechs Stunden Theatermarathon in einem nur mäßig beheizten Theaterfoyer, zwischen viel Zigarettenrauch und mit viel süßem Sekt und Wodka - da kann einem ja nur komisch werden. Ich muss gestehen, dass mich der Signa-Abend ein wenig enttäuscht hat.
Vielleicht hatte ich auch zu viel erwartet, denn wenn man von Signa hörte, las man von »Grenzerfahrungen«, davon, dass man selbst Realität und Fiktion nicht mehr auseinander halten kann, dass es zu verstörenden Szenen kommt… Mir ging es in keinem Moment so. Wenn man nicht die Kraft hatte, sich immer und immer wieder selbst in diese Grenz-Situationen zu bringen, war es aber eher wie ein enorm enervierendes, semi-spannendes Mitmachtheater, ein »Mord im Dunkeln«-Spiel unter dem Deckmäntelchen Kultur.
Sechs Stunden versuchten wir, so gut wie möglich mitzuspielen. Einigen gelang das auch ganz hervorragend. Mir nicht und am Ende war ich dann doch wieder Zaungast einer kruden Theaterperformance, in der es ganz klare Zuschauer- Schauspieler-Verteilungen hab. Übrigens: ältliche Herren dabei zu erwischen, wie sie sich in der Ausnahmesituation endlich das herausnehmen, wofür sie sonst in den Swingerclub gehen müssten, das war dann irgendwann einfach ekelhaft.
Aber gut, Signa im Centraltheater, das hat schon was. Freie Performance ist in Leipzig nun also im Stadttheater angekommen, da hat Hartmann nach ziemlich genau einem Jahr einen der wichtigsten Punkte wahr gemacht, die er damals zum Start angekündigt hatte.
Auf eine vergnügliche Spielzeit 2009/10!
Sei’s drum
15. Juli 2009
Deutsches Theater Berlin: Emilia Galotti
Achtung, was gleich kommt, wird enorm pathetisch sein. Der verehrte Leser wird sich angewidert abwenden und denken: “Erspart mir diese von ihren Emotionen getriebene semi-professionelle Theaterkritikerin!”
Doch das ist mir ganz egal! Es ist Sommer und ich stehe zu meinen Gefühlen! Und was gibt es auch darum herum zu reden, dass der unglaublichste Moment in Thalheimers “Emilia Galotti” folgender ist, ganz zum Ende des Stücks: Emilia, aller Ehre beraubt, dafür voll gespürten Lebens, steht in der Diagonalen auf dieser unglaublich hölzernen Bühne und schreit, in Richtung ihres Vaters: “Auch ich bin aus Fleisch und Blut! Auch meine Sinne sind Sinne!”
Weil zuvor jede Geste der Liebe so voller Kampf war, weil jedes Gefühl hervorgepresst oder mit Gewalt erzeugt werden musste, ist eben dieser Ausbruch so zum Schaudern. Huch, ich war selbst ein bisschen erschrocken davon, dass ich so wenig abgeklärt bin.
Und nein, ich schäme mich nicht dafür, dass ich in dieser allerletzten (!) Vorstellung dieser Emilia-Inszenierung, mit der sich Thalheimer auch vom DT verabschiete, siebzig Minuten im ersten Rang saß und keine Sekunde den Blick wenden konnte von diesem Terror da unten.
Ich schätze durchaus Kissenschlachten, aber es darf ruhig auch noch Gänsehaut geben im Theater. Auch, wenn ich damit meinen Ruf als knallharte Theaterkritikerin verspiele. Sei’s drum.
Sommertheater geht doch!
13. Juli 2009
Cammerspiele: Sommertheater
Ich habs dann doch noch mal probiert, und siehe da: gleich eines besseren belehrt worden. “Athen, Athen” (und so weiter), drei Inszenierungen, eine davon komisch, die zweite ziemlich cool, und die dritte, ja die dritte! Ich werde langsam zum Elisa Jentsch-Fan! Nach “Träumer” jetzt “Antigone”, und ich kann nur sagen: Sommertheater ohne Sommertheater-Desaster!
Ok, die Antigone-Darstellerin hat sich ein bisschen zu ernst genommen, und die Wächter waren auch ein bisschen schwer erträglich. Aber ansonsten waren wir schlichtweg begeistert von der Stärke, die die Laien-Darsteller hier mal wieder entwickelt haben. Was für eine in sich verkrampfte, in ihrer kindlichen Angst gefangene Ismene, was für ein öder, langweiliger Kreon, der seine eigenen Revolutions-Kindereien beweint.
Ich weiß nicht, ob es noch Interpretationen von Antigone gibt, die man noch nicht gesehen hat, und in einem Sommertheater erwartet man auch keine Lesart, die einem den Boden unter den Füßen wegreißt - man will schließlich einfach ordentlich Schenkel klopfen. Aber ehrlich: Hier kommt beides zusammen.
Also: hingehen, noch scheint die Sonne!
Sommer-Desaster
4. Juli 2009
Es ist so weit: Sommer. Ja nu, großartig - aber was ist mit Theater?
Nach den Sommertheater-Desastern im letzten Jahr verweigere ich mich. Mal sehen, wie kategorisch ich bleibe - aber im Moment treibt mich nichts auf die Freiluftbühnen der Stadt.
Dann doch lieber mein altbewährtes Karli-Drama: Vor der naTo sitzen und schauen, wer da so vorbei schleicht, stolpert, stolziert, in welchem Kostüm und mit welcher Geste. Spannender kanns in keinem Gohliser Schlösschen sein.
Meyer und ein Hauch von Punk
14. Juni 2009
Skala: Itspunk
Ein paar schöne Punk-Weisheiten: »Ich liebe einfach das Gefühl, Teil einer Gruppe zu sein und smart auszusehen.«
Oder: »Punkmusik bedeutet zu sagen, was man denkt.«
Oder auch: »Punk ist Wut-Theater.«
Und da wären wir doch an dem Punkt, wieso sich das Thema Punkmusik so gut für ein Theaterstück eignet: Weil alles daran mehr oder weniger gut gemachte Show ist. Die Kostümierung, die sich aus Fragmenten von Nazi-Symbolik, Hooligan-Schick und Anarchie-Style zusammensetzt. Die Bewegungen der Musiker, ihr Tanzstil: kontrolliertes Ausrasten, völlige Körperspannung, Vollrausch in hedonistischer Perfektion.It’s punk, als Stück »Itspunk«, und damit gibt Sascha Hawemann, den wir schon aus Magdeburg kennen, den man in Berlin aber anscheinend nicht kennt, aber kennt man in Berlin überhaupt jemanden anders außer Pollesch und Castorf; Hawemann gibt also mit dieser Inszenierung einen Vorgeschmack auf seine nächste große Leipziger Produktion: »Die Nacht. Die Lichter« als Uraufführung im Großen Haus. Geschichten von Clemens Meyer, auf der Bühne – und der Autor fand es wohl auch interessant, wer sich da an sein Buch ranwagen würde und war auch da bei der Premiere, wenigstens mal ein Promi in der Skala. Und obwohl Meyer ja nie irgendwas Böses tut, bekommt jeder Ort, an dem er sich befindet, automatisch irgendwie einen Hauch von Punk. Als würden sich alle insgeheim fragen, wo er wohl gerade herkommt, aus dem Bordell oder der letzten Schrammel-Kneipe in Anger-Crottendorf. Sagt natürlich nie jemand, dass er das denkt.
Auf der Bühne jedenfalls toben sich die Schauspieler die Seele aus dem Leib. Ein Kraftakt, viele der Songs der Rejects spielen sie komplett selbst – und das Urteil der Musikfachfrau hinterher: Zwar keine direkte Begeisterung, aber immerhin Anerkennung. Am Ende wurde es dann ein bisschen anstrengend, aber gut, Spaß muss man auch aushalten können.
Die Video-Projektionen vom Chemie-Fanblock, die habe ich nicht verstanden – was hat denn nun Westham United mit Chemie zu tun, kann mir das jemand erklären? Oder war das nur für Clemens Meyer?
Überraschungsparty in Budapest
27. Mai 2009
Szürpreisz-Party
Theater in einer Sprache zu sehen, in der man ungefähr drei Wörter und vier Vorsilben-Möglichkeiten kennt (mein Lieblingswort ist übrigens »egal«, das klingt so wie »mintedj« und ist vielfach einsetzbar), ist ja schon mal ein Abenteuer. Darum war es ein bisschen aufregend, in Ungarn ins Theater gehen zu wollen, und als das Stück dann auch noch »Szürpreiszparti« (so wurde es geschrieben, glaube ich, und wer in Ruhe liest, erkennt, dass hinter diesem niedlichen Wort der englische Begriff »Surprise-Party« steckt) und in einer »geheimen Wohnung« stattfinden sollte, bereitete ich mich auf die größten Aufregungen vor.
Treffpunkt ist eine U-Bahn-Station, von der aus wir in einem kleinen Grüppchen ein paar Minuten laufen, ein Haus betreten und dort schließlich im vierten Stock eine Wohnung betreten. In einem großen Zimmer sitzen schon einige Zuschauer, zwischen ihnen wuseln Männer und Frauen umher, die offenbar die Schauspieler sind; sie beginnen an einem großen, in der Mitte stehenden Tisch, mit den Zähnen Sonnenblumenkerne zu knacken, während sich immer mehr Leute in dem Raum einfinden und sich auf den herumstehenden Möbeln oder auf dem Boden verteilen.
Welche Handlung sich anschließend vollzieht, kann ich nicht genau sagen – ich verstehe schließlich kein Wort (nur einmal höre ich »mintedj«, dann aber umso triumphierender). Es geht eindeutig um eine Beziehungskiste zwischen einem jungen Mann und einer jungen, sehr schönen Frau. Weil mir die Worte nichts sagen, bin ich ganz auf ihre Körpersprache angewiesen, auf die Härte und Intensität ihrer Stimme und die Veränderungen in ihren Gesichtern.
Und weil das Zimmer die Bühne ist, weil die Schauspieler sich in dem engen Raum zwischen den Zuschauern umher bewegen, ist alles sehr dicht und sehr nah. Eine ziemliche Leistung, denke ich, bei dieser Nähe zum Publikum eine solche Intensität zu halten.
Irgendwann langweile ich mich ein bisschen, weil es eben vor allem um diese Krise zwischen den beiden geht, später auch um eine dritte Frau, die irgendwie auch damit zu tun hat – und dann ist es ohne Sprache doch ein bisschen eintönig. Und ich unterstelle dem ungarischen Theater gleich mal Unkreativität. Und werde gleich darauf eines Besseren belehrt: Denn nach etwa vierzig Minuten wird das private Kammerspiel aufgebrochen. Da kommt es zum Judo-Kampf zwischen den beiden Rivalinnen, da singt ein Supermarkt-Mann mit roter Schirmmütze seinen Werbejungle, da kommt ein langer, dünner Mann und fordert die Zuschauer auf, etwas zur Überraschungsparty beizusteuern. Die Brüche in dieser zunächst naturalistisch anmutenden Inszenierung tun gut, sie sind unterhaltend und erweitern die Geschichte, die anfangs sehr wie »Jugendkultur-Nabelschau« gewirkt hatte.
Einer Dramaturgie zu folgen, ist zwar mit zunehmender Dauer schwierig, aber auch ohne Sprache bin ich zeitweise sehr belustigt, berührt, erschrocken. Dass die Darsteller aus ihren Rollen herausfallen und plötzlich neben einem stehen, und sie sehen ja gar nicht so anders aus als die Zuschauer, denke ich, dass ihre Handys manchmal zwischen uns klingeln und sie neben uns auf dem Sofa sitzen, das macht ihre Geschichte ein bisschen zu meiner.
Es wird stickiger, dann beginnen die Darsteller auch noch zu rauchen, so langsam wird es eine kleine Zumutung, mit so vielen Menschen in diesem Raum. Eine Distanz ist nicht möglich, weil es keinen Unterschied zwischen Bühne und Zuschauerraum gibt – und ich denke, diese Intensität, diese Nähe halte ich nicht mehr lange aus. Dass Theater sich in der Regel in einem vom Zuschauer getrennten Bereich befindet, das hat vielleicht auch etwas zu tun damit, dass man dem Geschehen gar nicht so nah sein möchte. Dass man es als etwas Getrenntes betrachten will, um es sich nicht zu eigen zu machen – weil das gar nicht immer möglich ist. Hier bin ich Teil der Katastrophe, und das ist bisweilen ganz schön anstrengend.
Dann auf einmal ist das Ganze vorbei – ohne Applaus, was uns sehr verwundert. Als sei die Party zu Ende, stehen alle auf und verlassen langsam die Wohnung, unter ihnen die Schauspieler. Wir sind noch ein wenig benommen, von dem Sauerstoffmangel, von diesen anderthalb Stunden Nicht-Entkommen-Können ind müssen erst mal eine Trauben-Limonade trinken. Die heißt übrigens »Traubi«, was von nun an mein neues ungarisches Lieblingswort ist.
Licht-Gestalten
23. Mai 2009
Skala: »Neue Texte von PeterLicht. Von der Unmöglichkeit eine neue Matratze zu kaufen ohne das Universum anzuhalten«
Wie so oft: Am Anfang steht eine Entscheidung. Will man aktiver oder passiver Zuschauer sein? Jede der Alternativen hat ihren Reiz. Was passiert? Wichtig, dass es passiert. »Neue Texte von PeterLicht«, der bereits vor Jahren ein zuversichtliches Lächeln aufsetzte – »Wir werden siegen« –, »Lieder vom Ende des Kapitalismus« anstimmte und die Krise lyrisch vorwegnahm. Ein überraschender Abend, von dem man nicht zuviel verraten darf. Daher sei hier bloß ein Zitat vom Centraltheater-Hausphilosophen Guillaume Paoli als Motto beigefügt:
»Protest in einer abstrakten Umwelt beschränkt sich meistens auf symbolische Handlungen. Einen Sinn für Alltagspraxis … könnten wir gut gebrauchen. Wie auch immer, inmitten der allgemeinen Verwirrung ist mindestens eines sicher: Wenn jemals eine Rettung kommen sollte, dann nicht von professionellen Opfern, sondern von dilettantischen Tätern.«Guillaume Paoli: »Für die Entökonomisierung des Alltags«
»Oh Baby, balla balla«
18. Mai 2009
Skala: »Idioten«
Wie spielen? – Neun SchauspielerInnen ringen darum, wie und ob sie das Manuskript »Idioten« aufführen können. Wie zwischen Fakt und Fiktion etwa Neues (er-)finden? Sie beginnen mit szenischen Studien, die sie abrupt sein lassen, nehmen neue Posen ein, nur, um sich erneut über diese zu zerstreiten. Wie in Lars von Triers Filmvorlage werden so allerhand Handlungen durchgespielt, die von den gesellschaftlichen Konventionen abweichen. Schließlich bestimmen sie alles Abweichende, Deviante als krank und verrückt. Da scheint es geradezu notwendig, auch auf der Bühne das reine Nacktsein zu übersteigen und für manchen vielleicht Obszönes zur Schau zu stellen. Wohl darum war die Vorstellung P18.
Seine angehende Wirkung jedenfalls kann das Stück entfalten. Die improvisierten Figuren, eine gesplittete Bühne mit vermeintlichem Probenraum vorn und einem Hinterzimmer zum Diskutieren – dieses wird mittels Kamera für das Publikum sichtbar – ermöglichen ein fragmentarisches Spiel mit und zwischen den Ebenen. Ein filmerischer Rundgang durch die Technikräume, der als Werksführung einer Gruppe Behinderter gegeben wird, setzte dem noch eins drauf.
Hier gelingt es einmal, dieses ewige Thema der neuen Intendanz anzupacken: die Frage nach den Grenzen und Möglichkeiten von Theater, dieses Ringen um Selbstvergewisserung, das sich bisher durch den Spielplan zog. In »Idioten« bleibt das peinlich-permanente Aus-der-Rolle-Fallen aus. Die SchauspielerInnen sind ja ohnehin die ganze Zeit als Schauspieler auf der Bühne, üben sich im spannenden Grenzgang zwischen Rolle und Eigentlichkeit, ohne dies überbetonen zu müssen, damit es jeder kapiert. So lediglich auf sich selbst geworfen, gelingen ihnen Momente intensiver Interaktionen, erzeugen ihre Rasereien Spannungen, die sich besonders in komischen Eruptionen entladen.
Der Einsatz einer Handkamera – gewiss, die hält nun ständig Einzug auf den Theaterbühnen – ist in dieser Inszenierung einmal wirklich sinnvoll zu nennen, da er ein Gebot des Dogma-95-Stils wiederholt. Und sich diese Inszenierung immer wieder am filmischen Material abarbeitet, ohne bloß Kopie zu sein. Und dass die SchauspielerInnen schließlich ein eigenes Schauspiel-Manifest in die Zuschauerreihen werfen, ist bei dieser Suche nach Form mehr als nur konsequent. Wie sich bei den Dogma-Streifen die Frage aufdrängt, wie real sie nun wirklich sind, so dreht sich in Martin Labrenz’ Inszenierung letztlich alles um den Status der theatralen Situation.
Kleine Katastrophen, große Hoffnungen
18. Mai 2009
Theater der Jungen Welt: »Kinder des Holocaust«
Ich weiß, ich weiß, ich habe mich sehr vehement gegen den Einsatz von Laiendarstellern ausgesprochen. Diese inflationäre Verwendung des vermeintlich Authentischen erscheint mir noch immer meistens völlig überflüssig – weil es etwas vorhandenes reproduziert, anstatt es kritisch zu rezipieren.
Nun aber das komplette Gegenteil, letzten Sonntag im Theater der Jungen Welt. Ein Stück, das vor allem aus Berichten von Kindern besteht – von Kindern, die den Holocaust überlebt haben – oder auch nicht.. Verstörende Berichte von Verlust und Tod, kaum zu ertragen, diese Zeugschaft. Und die Inszenierung tut das einzige, was man mit diesen Texten tun kann: Sie inszeniert sie null komma null. Die Texte werden einfach von vier Schauspielern gesprochen, fast ohne Intonation, kein Spiel lenkt von der Drastik ab. Wie kann dieses Grauen auch auf die Bühne gebracht werden? Ungreifbar, dies Tragödien dieser Menschen, deren Namen wir hören, die uns aber doch so fern sind, deren Leid eben nicht unseres.
Wie können diese Geschichten unsere abgestumpften Herzen dann doch erreichen? Dafür sind dann eben die Jugendlichen da. Alles Laiendarsteller, die sich monatelang mit der Thematik auseinandergesetzt und geprobt haben. Auch sie spielen nicht die Kinder, um deren Berichte es hier geht – sie spielen sich selbst. Ihre eigenen Geschichten, kleinen Katastrophen und großen Hoffnungen, ihre Ängste und Träume bringen sie in kleinen Szenen auf die Bühne. Mal als Computerspiel, mal als Monolog über das eigene Outing und die Schläge, die es danach vom Vater gab.
Mindestens genauso ehrlich wie die Berichte der Holocaus-Kinder sind diese Szenen, die Darsteller machen sich buchstäblich nackt und kehren ihr Innerstes nach außen. Und auf einmal erinnere ich mich wieder an meine eigene Kindheit und Jugend, an die Unsicherheiten und Panikattacken, an den großen Optimismus und den ebenso großen Nihilismus. Wie viel Raum dieses Alter braucht, wie viel Obhut und Aufmerksamkeit, das ist mir selten so eindringlich vermittelt worden. Diese Zeit ist so kostbar und so verletzlich, und auf einmal wird es einem gewahr: Den Kinder, deren Berichte da im Wechsel mit den Szenen vorgetragen werden, wurde jede Chance auf das Erleben dieser Adoleszenz-Jahre genommen – die damals so wichtig wie heute waren. Als es eigentlich um den ersten Kuss gehen sollte, waren sie mit dem Sterben konfrontiert. Als sie lernen sollten, auf eigenen Beinen zu stehen, mussten sie fliehen und verloren dabei manchmal alle Familienmitglieder.
Und das wird eben nicht eins-zu-eins dargestellt, sondern über den Umweg der jugendlichen Laien erreicht, über ihre Ehrlichkeit und ihre buchstäbliche Selbstentblößung. Diese Verletzlichkeit; lange hat mich nichts mehr so berührt.